"Nothing in life is to be feared. It is only to be understood." - Marie Skłodowska-Curie

Mittwoch, 24. März 2010

Berlin II

In den letzten 8 Tagen, die ich hier verbracht habe, habe ich mir die Stadt von Osten kommend erwohnt.
Treptow ist ein Stadtteil, wie er in vielen deutschen Großstädten gelegen sein könnte. Ein bisschen grau und irgendwie ganz normal. Es erschlägt einen nicht gleich mit voller Kraft diese Empfindung, dass man in Berlin ist. Ich habe das sonst an vielen Stellen in dieser Stadt, dieses Gefühl, dass dir jede Ecke entgegenwirft, ein Teil Berlins zu sein und als solcher unglaublich besonders. Faszinierend ist aber, dass auch Treptow nicht beliebig ist oder langweilig, sondern ebenso einen Berlinstolz in sich trägt wie die Stadtteile, in denen ich danach Station gemacht habe. Es ist dort nur ein bisschen subtiler.
Friedrichshain ist viel plakativer, was das angeht. Am Frankfurter Tor stehe ich und schaue auf die Karl-Marx-Allee, die ehemalige Stalinallee, und mich versöhnt dieser Ort ein wenig mit der Tatsache, dass es den Palast der Republik nicht mehr gibt. Dessen Abwesenheit habe ich auf einem Spaziergang vom Alex zur Museumsinsel empfunden wie eine Wunde im Stadtbild, fast schon wie eine Wunde am eigenen Körper. War der Palast der Republik auch die vielleicht noch so hässliche Narbe, die zurückblieb, nachdem das Stadtschloss gesprengt wurde - jetzt versucht man, diese Narbe wegzulasern und bildet sich ein, dass sie dadurch unsichtbar würde. Ein, wie ich glaube, fataler Irrtum. Nun, Friedrichshain trägt weiter das Gesicht dieses Teils deutscher Geschichte, und es ist siffig und dreckig und links und stolz darauf. Es ist eine sehr ehrlich Gegend.
In Kreuzberg macht sich bemerkbar, was so viele junge Menschen nach Berlin zieht. Es ist ein Gefühl von kreativem Idealismus. Es ist auch ein Gefühl von Szene. Viel reflektieren die Bewohner von Berlin, wie schnell sich derzeit ein Stadtteil verändert. Es geht dabei meistens um den Punkt, an dem aus einem schönen, jungen Standort neuer, kreativer und aufregender Läden, Einrichtungen und Ideen ein Ort entsteht, in dem genau dieses Lebensgefühl zu einer kultivierten Szene stilisiert wird und dadurch seinen Charme verliert. Als Nicht-Berlinerin hat mich der Zauber noch voll ergriffen, und ich habe in Kreuzberg ein Berlin gesehen, das auch mich reizt und herausfordert, das mich lockt und in Versuchung führt mit seiner Sucht nach Leben.
Schließlich bin ich nun in Mitte. Hier ist es zunächst einmal ein bisschen glatt gegenüber den vorigen Stadtteilen, eben und gerade. Gepflegt. Schön. Aber eben doch Berlin und unter der Oberfläche wilder und freier als die entsprechend schicken Stadtteile von Hamburg. Ich bin begeistert von Berlin wie eh und je, und zwar deswegen, weil es mich auch in Mitte, das es mir einfach zu machen scheint, immer noch anstrengt und herausfordert mit seinen tausend Möglichkeiten und seinem Hang zu Überraschungen.
Übermorgen breche ich vom Hauptbahnhof auf nach Wien, mit dem Zug über Tschechien. Berlin präsentiert sich auf der Stadtbahnstrecke von Zoo bis Ostbahnhof von einer Schauseite mit Gedächtniskirche, Siegessäule, Reichstag, Bundeskanzleramt, Museumsinsel, Dom und Fernsehturm. Immer wenn ich dort entlangfahre werde ich ganz aufgewühlt, weil mich diese Schaustücke daran erinnern, was Berlin alles dahinter ist und sein will und was es vom Menschen fordert, der sich dort aufhält. Ich habe es als Besucher wie als Bewohner immer als eine herausfordernde Aufgabe empfunden, in Berlin zu sein. Ich mag Herausforderungen.

1 Kommentar:

  1. Liebe Mariella,

    Deine Beobachtungen Berlins fand ich berührend und spannend - und sie haben meine Lust, nach Berlin zurückzukehren, nur noch verstärkt und mich über das heutige Berlin und das der Vergangenheit nachdenken lassen. Du wirst Dir denken können, dass mich Deine Wahrnehmung Treptows, meines "Heimatstadtteils" und des Ortes meiner Kindheit, ganz besonders interessiert und dass eine kleine Portion Lokalpatriotismus in mir natürlich dagegen protestiert, Treptow als möglichen Stadtteil einer anderen deutschen Großstadt zu sehen: aufgrund meiner eigenen Erinnerungen aber auch aufgrund der deutschen Geschichte, die sich hier und besonders an der Grenze des Stadtteils zu Neukölln und Kreuzberg bündelt. Vieles hat sich, wie ich manchmal leider und manchmal zum Glück immer wieder feststellen muss, verändert: das Park-Center steht dort, wo früher am Eingang der Beermannstraße gegenüber ein kleiner Konsum war, in dem ich mal mit ungefähr sechs das rote Portemonaie meiner Mutter verloren habe. Wie das mit Erinnerungen so ist, blieb mir die Farbe ganz besonders im Gedächtnis. Meine Schule gibt es noch und auch den Kindergarten meiner Schwester. Im Treptower Park habe ich mit meinem Onkel Rollschuhfahren geübt und bin mit meinem Vater von dort aus Limonade trinkend mit dem Dampfer über die Spree geschippert. Und die Mauer war eben auch nicht weit, heute erinnert daran nur noch eine Linie an Pflastersteinen. Das sind zwar meine persönlichen Erinnerungen und doch, wie überhaupt ganz Berlin wie ein Chamäleon ist, ist dies auch Treptow – bunt und immer anders aber dabei eben immer noch Chamäleon – und passt damit für mich nirgendwo anders hin als eben an diesen Fleck des Landes. Aber das ist wohl meine sehr persönlich geprägte Wahrnehmung, die mich nun in der Erinnerung auch ein wenig nostalgisch werden lässt.
    Wir haben uns ja schon darüber unterhalten, wie sich die Popularität und der Charakter der Stadtteile verändern auch in Verbindung mit kulturpolitischen Entscheidungen und Investitionen. Ich fand es spannend, wie Du den Übergang beschrieben hast vom „Alternativen“ zum schon „Etablierten“. Sobald das Neue, Bunte, sich Absetzende zur Regel wird, verliert es seine Regelwidrigkeit und wir zur Normalität. Gerade darin repräsentiert die Stadt wohl auch die je individuelle Geschichte und den persönlichen Werdegang ihrer Bewohner. Und eben deshalb ist Kreuzberg wohl in bestimmter Hinsicht schon das neue Prenzelberg.
    Tübingen wird, ist doch der clash of gererations/classes hier lange nicht so ausgeprägt, die Stadt um so vieles homogener als sie es gerne wäre, im Herbst sicher noch das alte sein – klein, beschaulich und vorhersehbar. Umso mehr reizt die Vorstellung eines Wiedersehens in und mit Berlin.
    Doch erst einmal beginnt für Dich die große Reise. Wenn es übermorgen losgeht, wünsche ich Dir einen spannenden Beginn Deines eigenen neuen, bunten und aufregenden Weges für die nächsten vier Monate, der Dich immer wieder überrascht, herausfordert und Deine Freiheit genießen lässt! Du musst nicht gegen Römer ankämpfen, erkundest Dir von Deutschland aus ein weit vielfältigeres Gebiet als Asterix und Obelix es von Gallien aus taten und doch wünsche ich Dir mindestens ebenso viel Mut und Hingabe für Deinen Weg!
    Sei von Herzen umarmt – meine Gedanken reisen mit Dir!

    Deine Ulli

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