"Nothing in life is to be feared. It is only to be understood." - Marie Skłodowska-Curie

Montag, 26. Juli 2010

Makarska / Rijeka / Maribor

Tatsaechlich breche ich schliesslich aus Mostar auf und es faellt mir leichter als erwartet. Bata und ich nehmen uns zum Abschied in den Arm und er sagt nur schlicht: "Well, you'll be back!" - wie er das beim letzten Mal auch schon getan hat. Dieses Mal weiss ich noch nicht, wann das sein wird, das Wiederkommen. Aber ich weiss, dass er recht hat. Majda faehrt mich zum Bahnhof. Eigentlich wollen wir noch einen Kaffee zusammen trinken, aber dann kommt mein Bus frueher als erwartet und alles geht Hals ueber Kopf. Eine kurze Umarmung, ein schnelles Dankeschoen. Sie weiss ja auch ohne viele Worte, wieviel mir Mostar bedeutet und wie gerne ich dort bin.

Der Bus nach Makarska ist voellig ueberfuellt, an einem Samstag wollen alle ans Meer. Wir verlassen Bosniens sanfte gruene Huegel und erreichen die kargeren, wilderen Berge Kroatiens - und schliesslich faellt mein Blick wieder auf die Adria. Wir fahren ein ganzes Stueck die Kuestenstrasse entlang. Sie ist zauberhaft, waeren da nicht nahe jeder noch so kleinen Siedlung voellig ueberfuellte Straende. Ich erreiche das Hostel ohne Probleme und mache mich gleich auf den Weg zum Strand. Ich finde kaum einen Platz um mein Handtuch abzulegen, ich will es ja noch nicht einmal ausbreiten, aber die Menschen liegen dort dicht an dicht, es finden sich kaum ein paar Quadratzentimeter freie Flaeche. Aber ich muss doch kurz ins Wasser springen. Das tue ich dann auch, und es ist so warm, dass es eigentlich gar nicht erfrischend ist. Ich bin ja jetzt das 10 Grad kalte Wasser der Neretva gewoehnt. Seltsam, denke ich, dass fuer die meisten Menschen an diesem Strand diese Situation das Herzstueck ihres Urlaubs ausmacht. Mir kommt sie im Kontext meiner Reise seltsam deplaziert vor. Makarska ist ein Ort fuer Touristen, kein Ort fuer Reisende.
Ich laufe, noch nass vom Salzwasser, zum Ortskern. Der ist nun wieder wirklich entzueckend, und auch nicht so ueberfuellt, wer weiss wo die Touristen alle zum Abendessen hingehen. Ich finde direkt am Marktplatz ein kleines Buchcafe. Dort sitze ich, trinke Cappuccino und schaue mir den hellen Markt mit den vielen Gebaeuden aus weissem Stein an, der so typisch dalmatinisch ist, dass ich mich in Gedanken an den Beginn meiner Reise verliere - Zadar, Šibenik, Split und Vis, sie ziehen vor meinem inneren Auge vorbei und ich kann nicht glauben, dass das erst oder schon drei Monate her ist.
Den naechsten Tag verbringe ich etwas abseits der schlimmsten Fuelle am immer noch reichlich gut besuchten Strand. Abends kommt Stu aus Schottland im Hostel an, die ich in Mostar kennengelernt habe. Es ist schoen, weiter Gesellschaft zu haben. Am Tag darauf machen wir eine Bootstour nach Brač und Hvar. Es gibt viel kostenlosen Alkohol, Musik aus den Neunzigern - das ganze Boot tanzt, sicher 100 Leute -, herrliche Ausblicke auf huebsche Staedtchen am Ufer und zweimal Landgang: Einmal in Jelsa auf Hvar und einmal in Bol auf Brač. Auf der Rueckfahrt nach Makarska spielt der Kapitaen "Miljacka" von Halid Bešlić, dem bosnischen King of Folk - das Lied laeuft immer auf Batas Tagestouren in Mostar. Stu und ich fangen an zu tanzen und ich muss natuerlich mitsingen. Ein Crewmitglied hoert mich, nimmt mich an die Hand und bringt mich ins Kapitaenshaeuschen, wo ich den zweiten Teil des Liedes ins Mikrophon singe. Singen macht mich gluecklich.

Richtig warm werde ich mit Makarska nicht. Stus Gesellschaft macht den Aufenthalt dort zu dem, was er ist - lustig und unbeschwert. Ich bin aber nicht traurig, als ich schliesslich im Nachtbus nach Rijeka sitze. In der Abenddaemmerung fahren wir an Split vorbei. Das Licht taucht die Stadt in ein goldenes Licht. In mir schmilzt etwas. Ich fuehle mich so zuhause in den Laendern des Balkans... Ich komme nachts um 4 in Rijeka an und falle einfach nur bei meinen Couchsurfern auf die Couch und schlafe.
Ich couchsurfe eigentlich mit Nina, aber widrige Umstaende haben Nina selbst, ihren Freund Željko, eine Gruppe von fuenf litauischen Couchsurfern, zwei weitere deutsche und einen aus Israel in das Haus von Ninas Kumpel Martin am Stadtrand verschlagen. Da verbringen wir nun die Tage und Naechte im Garten mit Grill, Gitarre und guten Gespraechen.
Am ersten Tag fragt Nina mich, ob ich Lust habe, Paragliden zu gehen. Ihr Kumpel Davor bietet fuer wenig Geld Tandemspruenge im Učka Gebirge an. Sofort sage ich ja. Ich wollte schon immer paragliden. Davor holt mich und die zwei anderen Deutschen nachmittags ab und faehrt mit uns nach Tribalj. Die Fahrt hoch zum Startplatz ist abenteuerlich, die Strasse steil und schmal, das Auto alt und klapprig. Ovo je Balkan... Davors Gleitschirm ist gelb und orange und wunderschoen. Er schnallt mir den Sitz um und hilft mir mit dem Helm. Anlaufen ueber das Felsgeroell am Berghang, Davor dicht hinter mir. "Run! Run run run!" Ich bemerke kaum, wie wir abheben, es ist sanft und sicher und ueberhaut nicht gruselig. Und dann fliegen wir. Unter uns breitet sich die Kvarner Kueste aus - Meer und Huegel, blauer Himmel und Wind. Ich habe viel mehr Rausch erwartet, es ist so friedlich und ruhig. Wir werden eins mit der Natur, die uns umgibt und nutzen ihre Gaben - den Wind und die Luftstroeme - ohne ihr weh zu tun. Ein meditativer Sport. Ein aesthetischer Sport. Balsam fuer die Seele. Sogar die Landung ist fast weich, und es fuehlt sich surreal an, dass ich vor wenigen Minuten noch auf ueber 1000 Meter Hoehe durch den Himmel geschwebt bin. Aber auch die Erde fuehlt sich jetzt friedvoller an. Die Bergwiese duftet nach Sommer. Das habe ich auf keinen Fall zum letzten Mal gemacht.
Am Tag darauf holt Roni, mein Couchsurfer von meinem ersten Besuch in Rijeka, mich mit dem Auto ab und wir fahren nach Fužine. Es ist als kaeme ich nach Oesterreich. Suesse kleine Haeuser mit Blumenkaesten an den Fenstern und ein See, an dem wir spazierengehen und uns austauschen ueber alles, was in den letzten Monaten passiert ist. Roni bekommt einen Anruf und sagt: "Jesam ovde sa prijatelicom..." - "Ich bin hier mit einer Freundin..." Als ich das letzte Mal da war war ich am Telephon noch eine "Couchsurferica". Jetzt bin ich eine Freundin. Das macht mich gluecklich.
Spaeter liefert Roni mich in Kostrena am Strand bei der ganzen Gruppe um Nina ab. Die Sonne geht gerade unter, und das Abendlicht verwandelt die Adria in einen Teppich aus blauen, grauen, goldenen, orangenen und gelben Farbtoenen, der immer dunkler wird, bis schliesslich das Mondlicht die Sonne abloest und silberweiss auf dem Wasser tanzt. Ein letztes Mal auf dieser Reise springe ich ins salzige Wasser. Ich fuehle mich frei.

Am naechsten Morgen nehme ich den Zug nach Maribor. Auch hier besuche ich nicht Bekannte, sondern Freunde. Mojca und ich sitzen stundenlang auf ihrem Balkon, trinken Wein, Tilen kommt zu besuch und kocht phantastisches Essen, wir malen mit Oelfarben Bilder, schauen, meine Photos an. Es kommt mir gar nicht so vor, als ob ich erst einmal hier gewesen waere und auch nicht als waeren das damals nur zwei Tage gewesen. Slowenien ist schon wieder sehr aufgeraeumt. Die Leute halten hier am Zebrastreifen fuer Fussgaenger an! Voellig verrueckt! Es ist wohl eine gute Einstimmung auf zuhause. Heute vor vier Monaten bin ich in Berlin in den Zug nach Wien gestiegen. Heute abend steige ich in Maribor in den Zug nach Muenchen. Ich fuehle mich nicht am Ende meiner Reise. Ich fuehle mich in der Mitte des grossen Abenteuers, das Leben heisst.

Samstag, 17. Juli 2010

...but you can never leave...

Ich versuche, Mostar zu verlassen. Ich versuche es wirklich. Es ist schwer. Majdas Hostel ist mein Hotel California.

Wir haben zwei Maedchen aus Malaysia im Hostel. Sie kommen spaet am abend an und sind sehr hungrig. Majda erklaert ihnen den Stadtplan und gibt Restaurant-Tipps - wie immer die besten Orte fuer Burek und Čevapi und das legendaere Hindin Han mit dem phantastischen Hummer-Kebab fuer 7 Euro. Eines der beiden Maedchen fragt: "Is the food here all halal?" Majda sagt: "I will explain you." Sie zeiget auf die grosse Strasse, die einst im Krieg die Frontlinie markiert hat. "On this side is all halal..." - ihre Hand faehrt auf der Karte ueber die Ostseite der Strasse, den bosnischen Teil von Mostar- "... and on this side is not." Das ist die Westseite, der kroatische Teil. Es ist bizarr, dass sie nicht einzelne Orte aufzeigen muss, sondern dass die Frage nach halal und nicht halal erneut die Spaltung der Stadt aufzeigt. Als ich in Sarajevo war, hat mein tuerkischer Couchsurfing-Gastgeber Nagy mir erzaehlt, dass er dort nur vegetarisch isst. Er hat Geschichten gehoert, dass kroatische und serbische Restaurantbesitzer manchmal heimlich Schweinefleisch in ihre Čevapi oder ihren Burek geben, um den Moslems eins auszuwischen. Bata sagt: Nichts in diesem Land ist Zufall. Alles ist ein Politikum. Auch das Essen.

Es ist so heiss, dass es fast nicht auszuhalten ist. Majda misst neulich mittags auf ihrem Balkon 47 Grad. Wir verbringen die Tage am Ufer der Neretva und springen ab und zu von einem Felsvorsprung ins Wasser. Es ist so um die 10 Grad warm. Die Stroemung treibt uns ein paar Meter flussabwaerts, wo wir wieder an Land schwimmen und innerhalb von Minuten wieder trocken sind. Ich werde immer brauner, wenn ich wiederkomme werde ich aussehen wie eine Zigeunerin. Stefan hat ein Photo von mir gesehen, auf dem ich ein Kopftuch trage, und es kommentiert mit den Worten: "Ti ćeš nam se vratiti kao prava Bosanka! :)" - Du wirst uns als echte Bosnierin zurueckkommen. Ich hoffe, dass das zumindest ein bisschen stimmt.
In Novi Sad in Lazars Kueche teilen wir ein Glas Ajvar, eine Art Chutney aus Paprika und Aubergine. Das Glas ist fast leer, Lazar versucht mit dem Loeffel das letzte bisschen herauszukratzen. Ich sage zu ihm: "Just turn the spoon around, the end is more narrow, you will get more stuff out of the glas." Er guckt mich fast fassungslos an. "You blend in very well here." In Niš im Hostel sitze ich mit der Belegschaft in der Raucherecke. Der Chef wird ans Telephon gerufen und kommt nicht wieder. Seine Zigarette brennt langsam herunter. Ich nehme sie mir und sage: "Vlad won't finish this, so I might as well." Sein Kollege schuettelt den Kopf und sagt: "When you come back to Germany, they will not let you in. They will think you are Serbian." In Mostar am Tag bevor ich abreisen will erzaehlt Bata mir von einem Konzert einer lokalen Folk-Band, von der er meint, dass sie mir gut gefallen wuerde. Das Konzert ist erst am Abend darauf. Ich verlaengere meinen Aufenthalt um noch eine Nacht. Bata sagt: "I can drive you there, but not back. But you're almost local. You just get to know other locals, you know, 'dje si legendo', they will take you home." Ich fuehle mich im Lebensgefuehl des Balkans aufgehoben.

Das Konzert findet in einem Freibad in der Naehe von Blagaj statt. Die Band heisst Mostar Sevdah Reunion. Sevdah ist ein tuerkisches Lehnwort im Bosnischen und bedeutet Melancholie. Es handelt sich dabei um eine spezifisch bosnische Form von Folk, die in den anderen Laendern des frueheren Jugoslawien so nicht existiert. Sie nenne Sevdah auch Bosnischen Blues. Die Mostar Sevdah Renunion ist eine Band, die verschiedene Ethnien, Religionen und Altersklassen vereint. Auf der kleinen Buehne unter dem sternenuebersaeten Himmel spielen ein Schlagzeug, zwei Gitarren, ein Bass, ein Akkordeon, eine Klarinette und eine Geige mit dem Saenger, der schon 77 Jahre alt ist und aus Mostar kommt. Wir tanzen bis spaet in die Nacht zu den sehnsuchtsvollen, lebenslustigen Klaengen der Musik. Was fuer ein Abschied von Mostar! Eine Kostprobe gibt es hier.

Mittwoch, 14. Juli 2010

Reisefuesse, Reisehaende

Wenn ich meine Fuesse anschaue, denke ich daran, ueber wieviele Boeden die jetzt gelaufen sind. Teppich, Linoleum, Laminat, Dielen und Parkett in zahlreichen Wohnungen und Haeusern von gastfreundlichen Couchsurfern. Kieselsteine an Albaniens Straenden. Zersplittertes Glas im Sniper's Nest in Mostar. Gras im Park von Maribor und in Belgrads Burg Kalemegdan. Kopfsteinpflaster in der Fussgaengerzone von Split. Sand am Strand vom Balaton und am Schwarzen Meer in Varna. Teppich in der Blauen Moschee in Istanbul. Zementplatten auf dem Platz Makedonia in Skopje, beim Tanzen zu Strassenmusik bis nachts um 2, und in Prishtinas Fussgaengerzone. Das schwarze Fusskettchen ist aus dem Kloster Rila in Bulgarien.

Meine Haende sehen aehnlich aus. Links: Ein Ring aus Krakow in Polen, einer aus El Paso in den USA. Ein Armreif aus Mostar, ein Armband aus dem Kloster Studenica in Serbien. Rechts: Ein Ring aus Indonesien, den Mami dort mal gekauft und mir geschenkt hat, einer aus Istanbul. Ein Armband aus Veliko Tarnovo in Bulgarien. Ich nehme meinen Schmuck nicht mehr ab. Alle meine Erfahrungen trage ich am Koerper genauso wie im Herzen.

Das Photo von meinen Fuessen hat Carolin Weinkopf in Skopje auf Mariskas Balkon gemacht. Mehr von ihren grossartigen Photos aus Mazedonien findet ihr hier.

Sonntag, 11. Juli 2010

In Mostar leben - Impressionen

Das Hostel hat zwei Zweigstellen. Meine liegt direkt am Ufer der Neretva. Das Haus hat frueher Batas und Majdas Grosseltern gehoert. Es ist hell und geraeumig. Majda pflanzt Blumen im Hof. Ich schlafe im Gemeinschaftsraum in einem Bett mit weissen Laken. Sie erinnern mich an fruehere Griechenlandurlaube mit meiner Familie.

Wenn ich von der kleinen Terasse aus dem Tor trete, trennt mich nur ein asphaltierter Basketballplatz vom gruenen Wasser des Flusses. Nur ein paar hundert Meter flussabwaerts erhebt sich majestaetisch die Alte Bruecke. Sehen kann man sie von hier aus nicht, aber ihre Praesenz ist in der Stadt ja stets allgegenwaertig.

Ich sitze in der Abendsonne auf dem Maeuerchen vor dem Hosteltor und rauche eine Zigarette. Der Himmel faerbt sich langsam rosa ein. Ein Schweizer, der im Hostel wohnt, spielt mit einem Haufen bosnischer Jugendlicher Basketball. Zwei weitere Grueppchen von Kindern und Jugendlichen verteilen sich ueber den Platz. Lautes Lachen, Schreien und Triezen erklingt von dort unten. Von den zwei nahegelegenen Moscheen beginnen die Muezzine zum Abendgebet zu rufen. Es ist als wuerfen sie sich die Zeilen aus dem Koran gegenseitig zu. Auf dem Asphalt am Rande des Basketballplatzes stehen in bunten froehlichen Farben die Worte "Strpljenje - Uzdržljivost - Prijaznost" - Geduld - Maessigung - Freundschaft - und auf der anderen Seite "Ljubav - Radost - Dobrota" - Liebe - Freude - Guete. Hinter dem Platz ragen Brueckenpfeiler aus dem Wasser, die keinen Steg mehr tragen. Es dunkelt ganz langsam, Muetter rufen ihre Kinder von Balkonen nach hause, "ajde!", "dođi!" Es liegt Frieden ueber Mostar, der geteilten Stadt.

Ich gehe noch einmal in das ausgebombte Bankgebaeude, das alle nur als "Snipers' Nest" bezeichnen. Direkt unter mir liegt das frustrierend bunt restaurierte Gebaeude des Gymnasiums. Es wirkt deplaziert. Aber welche Schule, die Segregation betreibt, koennte schon so wirken, als gehoere sie dahin, wo sie steht. Im Kanton Herzegovina-Neretva gehen bosnische und kroatische Kinder und Jugendliche in unterschiedliche Klassen. Sie haben unterschiedlichen Sprach- und Geschichtsunterricht. Sie lernen, dass sie sich unterscheiden. Sie lernen, die Spaltung der Ethnien in ihrer Gesellschaft fuer normal und richtig zu halten. Der Gedanke tut mir in der Seele weh.



Morgens und abends ist es im Hostel am geschaeftigsten. Da kommen Leute an und fahren ab, sie brauchen Fruehstuck, es gilt unterschiedliche Taxis, Pick-ups und Drop-offs zu organisieren, Schluessel werden eingesammelt und ausgeteilt. Batas und Majdas Mutter, sie heisst fuer uns alle nur Mama, sorgt fuer die Verpflegung. Heute morgen gibt es Ruehrei, Tomaten, frische Feigen, Brot mit cremiger Butter und Marmelade. Das beste kommt zum Schluss: Bosanska kahfa, bosnischer Kaffee. Es gibt ein ganzes Ritual dazu, wie dieses koestliche Getraenk zu geniessen ist. Das macht die Bosanska kahfa zum sozialen Ereignis mehr als nur zu einem Wachmacher am Morgen. Mama serviert mit so viel Liebe, dass auch die zoegerlichsten zugreifen. Bosnische Gastfreundschaft und das Lebensgefuehl des Balkans eroeffnen sich im morgendlichen Fruehstuecksritual. Es macht dieses Hostel so einzigartig, dass die Familie versucht, das alles auch den Reisenden zu eroeffnen.



Dienstag, 6. Juli 2010

Sofia / Prishtina / Peja / Prizren / Niš

Von Istanbul nach Sofia zu kommen ist ein Schock. Nach der menschlichen und klimatischen Waerme in der Tuerkei ist die bulgarische Hauptstadt grau und kalt. Ich habe zwar im Nachtbus gut geschlafen, bin aber einfach kaputt von der Reise - ich bin Istanbul-verkatert. Ich schlafe sogar fuer 20 Minuten am Anfang des Fussballspiels Deutschland - England einfach ein. Dafuer bin ich abends aufgedreht und feiere mit vielen Reisenden im Hostel bis spaet in die Nacht. Mein Rhytmus ist voellig durcheinander. Auch das gehoert zum Reisen dazu.
Am zweiten Tag in Sofia schaue ich mir die Stadt an. Sie ist viel huebscher als alle immer sagen, und die Sonne scheint auch wieder.



Die gelbe Kopfsteinpflasterstrasse, die an allen huebschen Gebaeuden vorbeilaeuft, zwingt zur Referenz auf den Zauberer von Oz. Mir fehlen nur Dorothys rote Schuhe. Abends gibt es wieder viele spannende Geschichten im Hostel auszutauschen. Ein Schwede radelt von Stockholm nach Jordanien. Ein Amerikaner ist gestrandet, weil er sein Visum fuer die Tuerkei ueberschritten hat und nun nicht zurueck kann. Vier Maedels aus Hamburg haben gerade Abitur gemacht und strahlen die besondere Lebensfreude aus, die einem das Bewusstsein von Freiheit nach dem Schulabschluss gibt.

Am naechsten Tag fahre ich nach Skopje. An der Grenze zu Mazedonien behalten sie das erste Mal meinen Pass ein. Sie winken mich raus und zeigen immer wieder auf das Deckblatt. Ja, da steht "Reisepass" drauf... Ich verstehe gar nicht, was los ist, bis einer von den Grenzern zum anderen etwas sagt, was ich deute als: "Und in Albanien war sie auch!!" Ich denke: Mann, so ein Mist, daran wollen sie sich doch jetzt nicht aufhaengen? Ich versuche auf serbisch meine Reiseroute zu erklaeren. Endlich winken die Grenzer ab und geben mir meinen Pass wieder. Viele Mitreisende fragen mich auf deutsch, ob alles klar ist, und regen sich fuerchterlich auf. "Keiner versteht unsere Grenzbeamten," sagt eine junger Mann, "das ist nicht nur die Sprachbarriere fuer dich." In Skopje bleibe noch einmal eine Nacht bei Mariska. Sie hat noch zwei deutsche Maedels zu besuch und wir schnacken den Abend so weg. Am Tag darauf geht es in den Kosovo.

Von Skopje nach Prishtina zu kommen ist ganz einfach. An der Grenze fragt mich der Beamte nur kurz was ich hier mache und wuenscht mir dann sehr hoeflich einen schoenen Aufenthalt.
Prishtina ist grau und hat ein fieses Verkehrschaos, aber die Stimmung in der Fussgaengerzone ist, als waere Jahrmarkt. Ueberall wird sinnloses Spielzeug verkauft und es faellt sofort ins Auge, dass der Altersdurchschnitt in diesem Land bei 25 liegt. Aeltere Menschen scheint es nicht zu geben, geschweige denn alte. Kinder dagegen - ueberall! Sie rennen und spielen und schreien, dass es eine Freude ist. Englisch ist allgegenwaertig, das Land ist voll von internationalen jungen Leuten, die fuer die NGOs taetig sind, die sich hier nach dem Krieg angesiedelt haben. Die Kosovaren in den Cafes lachen auch wie Kinder - unverschmutzt, ehrlich, offen.
Mein Eindruck ist vor allem: Das hier ist nicht Serbien. Es ist auch nicht Albanien. Es ist Kosovo. Vermutlich sagen die Serben, dass man in anderen Laendern auch regionale Unterschiede bemerkt, aber Kosovo einfach weiter als Serbien zu bezeichnen erscheint mir absurd. In Peja und Prizren, den zwei Staedten, die ich besuche, bekomme ich allerdings auch ausgebombte serbische Haeuser zu Gesicht. Da wird es leichter, auch diese Perspektive zu begreifen. Es gibt in dieser Region nie das reine Opfer und den reinen Taeter. Alle Seiten haben sich gegenseitig unendliches Leid zugefuegt.
Peja erinnert an Ulcinj in Montenegro und an Novi Pazar in Serbien. Ich trinke Cappuccino in einem Strassencafe. Es giesst in Stroemen. Vor der Terrasse ist ein Brunnen. Das Wasser zum Kaffee holt der Kellner mit dem Glas von dort, er haelt es einfach in den Strahl und stellt es mir triefend nass auf den Tisch. Dazu grinst er wie ein kleiner Junge. Dann faellt der Strom aus. Alles ist chaotisch. Keiner stoert sich daran.



Prizren ist die huebscheste Stadt, die ich in Kosovo sehe. Ich steige mit einem Amerikaner, den ich im Bus kennen lerne, hoch zur serbisch-orthodoxen Kirche. Meterhoher Stacheldraht und KFOR-Wachschutz. Wir duerfen nicht hinein.


Wieder unten in der Stadt zeigt uns der Pfarrer, den zwei Jugendliche fuer uns herbeigeholt haben, die katholische Kirche. Dort ist kein Wachschutz noetig, "aber," sagt der Pfarrer in exzellentem Deutsch, "meiner Meinung nach brauchen auch die serbischen Kirchen keinen Wachschutz." Er erzaehlt ein bisschen schuechtern, aber sehr lebendig von der Kirche und der Gemeinde. Im Kirchhof bluehen gelborangerot die Rosen.

In jedem Cafe in Prishtina lerne ich jemanden kennen. Das Fussballspiel gegen Argentinien schaue ich im Irish Pub zwischen lauter Deutschen, es ist wie zuhause, alle liegen sich in den Armen und singen und jubeln und fluchen. Abends gehen wir auf Parties von den Kollegen meiner Couchsurfing-Gastgeberin Claire, essen herrliches albanisches Essen oder trinken Kaffee in einem internationalen Buchladen mit Gastronomie. Krieg? Bitte, das ist 10 Jahre her! Am eindruecklichsten erinnern die Bilder der Vermissten an einem Bretterzaun in der Innenstadt und die Denkmaeler, an denen man im Bus auf dem Weg nach Peja oder Prizren vorbeifaehrt, daran.


Das Lebensgefuehl in diesem Land trifft mich als zukunftsorientiert und froehlich. Hier muss man alle paar Jahre hinkommen und schauen, wie sich alles veraendert - das geht sicher rasend schnell!

Von Prishtina fahre ich nach vier Tagen ueber Skopje nach Niš in Serbien. Die Sonne brennt, als ich vom Busbahnhof zum Hostel laufe - ich frage drei verschiedene Leute nach dem Weg, alle auf serbisch. Keiner kann mir helfen, aber alle reden mit mir und verstehen mich gut und ich finde das Hostel dann schliesslich von ganz alleine. Ich gehe frueh schlafen, ich habe noch was aufzuholen.
Am naechsten Tag ist das Wetter wieder wunderbar. Ich liege zwei Stunden auf einer Bank in der Burganlage und werde braun. Danach trinke ich am Ufer des Flusses Kaffee. Neben mir sprechen sie in einer Gruppe von etwa 10 jungen Leuten deutsch. Dann fangen sie an zu singen! Mehrstimmig! A capella! Mit Stimmgabel und allem! Natuerlich komme ich sofort mit einem von den Jungs ins Gespraech. Wir singen gemeinsam Brahms. Sie sind von einem europaeischen Jugendchor und haben am Samstag ein Konzert hier in Niš. Abends gehe ich erst mit den anderen Leuten aus dem Hostel essen, danach mit den Chorleuten was trinken. Ich kann mich nur immer wieder fragen, wie Leute auf die Idee kommen koennen, dass ich einsam oder gelangweilt sein koennte. Absurd.