"Nothing in life is to be feared. It is only to be understood." - Marie Skłodowska-Curie

Montag, 27. August 2012

Tallinn II - Stadterkundungen mit dem Fahrrad

Um 16 Uhr geht auf dem Harju-Hügel die Fahrradtour los. Unser Guide ist eine ausgesprochen hübsche Studentin namens Epp. Bevor ich mir auf die Zunge beißen kann, habe ich schon nachgefragt: "As in an iPhone?" Sie lacht: "Yes, like an iPhone App, only spelled with an E." "How often do you hear that question?" grinse ich. "Only every day. It's ok. I'm your tourist app for this afternoon, ask me anything." Ihr Lachen ist so herzlich und ihre Augen so offen und klar, dass wir uns in ihrer Anwesenheit sofort wohlfühlen. Außer Wiebke und mir ist noch ein sympathischer Neuseeländer, Ian, dabei. Wir schwingen uns auf die Räder und rattern über das altstädtische Kopfsteinpflaster in Richtung Wasser. 

Unsere erste Station ist ein Denkmal kaum außerhalb der Stadtmauern, das mich an das Denkmal am Platz der Luftbrücke in Berlin erinnert: Ein abgebrochener großer Bogen. Es soll an die gesunkene MS Estonia erinnern, deren Untergang 1994 das schwerste Schiffsunglück der Nachkriegsgeschichte in Europa markiert. Epp bemerkt, dass fast jeder Este mindestens einen Verunglückten kannte und dass es sich so kurz nach der wiedererlangten Unabhängigkeit nicht besonders angenehm angefühlt hat, dass ein Schiff mit dem Namen des eigenen Landes gesunken war. Ich mag ja eigentlich Symbolik, aber bei solchen Dingen habe ich oft das Gefühl, dass sie übertrieben wird. Immerhin ist Estland ja noch da und schlägt sich, soweit ich das beurteilen kann, ganz gut. Das erste Schiff, das damals zur Rettung eilte und Schiffbrüchige bergen konnte, hieß übrigens wie ich: Mariella.

Wir fahren weiter an einigen ganz klassischen Plattenbauten vorbei. Epp macht wieder Halt und sagt ein paar Sätze dazu. Wiebke und ich nicken wissend; dass die Wohnungen in den Häusern alle gleich geschnitten waren und man sich überall zurecht finden kann, auch wenn man noch nie in genau diesem Gebäude war, das wissen wir - ich aus meiner Greifswalder Zeit und von meinen beruflichen Recherchen, Wiebke deswegen, weil sie gebürtig aus Potsdam kommt. Mir ist das in Berlin auch schon oft aufgefallen, wenn ich Couchsurfer oder Freunde zu Besuch hatte: Man muss alles, was mit Geschichte zu tun hat, sehr zielgruppenorientiert verpacken. Der Neuseeländer hat natürlich zu einer sozialistischen Vergangenheit viel weniger Bezug als wir. 

Nun bewegen wir uns langsam aus der Stadt heraus und landen endlich in Kadriorg oder Catherinethal, einem Stadtteil mit wunderschönen kleinen Holzhäusern und grünen Alleen. Zunächst bleiben wir am Wohnhaus von Anton Hansen Tammsaare stehen, einem großen estnischen Realisten und Existenzialisten. Mich kann man mit Schriftstellern natürlich immer ködern, aber Epp spricht so lebendig über sein Leben und sein Werk, dass vermutlich auch ein Bücherwurm Lust bekäme, sein Monumentalwerk "Wahrheit und Gerechtigkeit" zu lesen. Es hat allerdings fünf Bände.

Nun fahren wir durch einen bezaubernden Park, in dem uns Epp die Grundzüge estnischer Geschichte erklärt. Ich begreife endlich ein bisschen besser, was es mit den deutschen Einflüssen auf sich hat: Überall im Baltikum haben im Mittelalter die Kreuzritter versucht, die heidnischen Stämme zu christianisieren; und da sie zuhause meist schlechter gestellt waren als hier, sind sie geblieben - und auch wenn Estland nie zu einem deutschen Staat gehört hat, waren die Deutschen immer präsent und haben als Baltendeutsche die Kultur mitgeprägt. Die Esten selbst sind dagegen immer Bauern gewesen, und im 19. Jahrhundert, als das nationale Erwachen in ganz Europa um sich griff, begannen auch hier einige kluge Menschen, sich weiterzubilden und für einen estnischen Staat zu streiten. Zu diesem Zeitpunkt gehörte die Region zum Russischen Reich. An den Ersten Weltkrieg schloss sich dann ein Unabhängigkeitskrieg an und 1920 gewann Estland seine Unabhängigkeit und existierte zum ersten Mal als eigenständiger Staat. Dann kamen, wie in den anderen baltischen Staaten auch, die Russen, dann die Deutschen, dann wieder die Russen, und seit 1991 ist Estland da, wo es eigentlich schon vor 150 Jahren sein wollte. Die Geschichte des estnischen Staates ist nicht lang. Die seines Volkes schon.

Wir beobachten den Wachwechsel am Präsidentenpalast. Kaum Zäune, auch keine Besucher, alles sehr verschlafen und hübsch. Wir stehen zu viert da und unterhalten uns darüber, was es für ein lästiger Job sein muss, hier mehrere Stunden zu stehen und sich zu langweilen; und wir sprechen lange über kulturspezifische Vorstellungen von Sicherheit. Undenkbar, das man sich z.B. in den USA so nah vor das Weiße Haus stellen könnte; und in Berlin am Reichstag werden die Sicherheitsvorkehrungen meines Wissens auch immer umfangreicher. Epp erzählt, dass die Enkeltöchter des Präsidenten im Palast mal eine riesige Party gefeiert haben, als der Präsident nicht da war. Der Zugangscode für das Tor hatte vorher per SMS die Runde unter den jungen Leuten in Tallinn gemacht, und die Einrichtung sei hinterher recht ramponiert zurückgelassen worden. Unvorstellbar, aber sympathisch. Sowas passiert schonmal, wenn man Enkeltöchter hat.
Wir sprechen auch über die Preise in Tallinn und über die Krise. Laut Epp hat die Krise in Estland nur mäßig zugeschlagen, es seien sehr früh Gehälter gekürzt und Einsparmaßnahmen gemacht worden. Die Esten beschwerten sich auch über solche Dinge nicht. Nur bei einer Frage seien mal Leute auf die Straße gegangen: Als es um das ACTA ging. Epp sagt: "We are an E-country. You can cut our wages, you can raise the prices, but don't touch our internet!" Manchmal muss man eben Prioritäten setzen.

Nun fahren wir ein etwas längeres Stück mit dem Fahrrad zum Song-Festival Gelände. Im Zusammenhang mit dem Nationalen Erwachen entstand das estnische Sängerfest schon im 19. Jahrhundert. Die Anlage ist für die Festivals im heutigen Ausmaß Ende der 1950er Jahre gebaut worden. Alle fünf Jahre singen hier Chöre, gemeinsam kommt der Festivalchor auf bis zu 30.000 Mitglieder. Wir stehen unter der großen Kuppel, Epp spricht nochmals von der Singenden Revolution, von der Bedeutung, die die traditionelle Musik für ihr Land und seine Unabhängigkeit gespielt hat, und ich bin gerührt. Wie wunderbar, wenn sich Menschen durch Musik von Gewaltherrschaft befreien können! Es hört sich natürlich alles sehr romantisch an, und man vergisst die politischen Begebenheiten dabei, aber hier mag ich sie wieder, die große, bewegende Symbolik. An der Seite der Anlage ist eine Plakette, dort steht der Text eines der wichtigsten estnischen Volkslieder, mit dem das Sängerfest traditionell beendet wird. Ian, Wiebke und ich lesen Teile davon vor, Epp muss lachen. Ian hat natürlich die größten Schwierigkeiten, Wiebke und mich, sagt sie, hätte man gut verstehen können. Es hört sich doch sehr skandinavisch an, als sie es nun vorliest, und ist an manchen Stellen dem Deutschen auch sprachverwandt. Epp gibt uns später die Internetseite für Busfahrpläne zur weiteren Planung unserer Reise - sie lautet www.bussireisid.ee, wie niedlich das klingt!
Über den Weg am Rand der Rasenfläche fahren wir auf den Hügel. Von oben sieht die Anlage noch imposanter aus. Ich versuche mir vorzustellen, wie hier alles voller Menschen ist, und wie Musik die klare blaue Sommerluft erfüllt. Es muss unbeschreiblich sein. Eine von den Parkbänken hat Lautsprecher eingebaut - da kommt das Lied, von dem wir eben unten noch sprachen, "Mu isamaa on minu arm", Mein Vaterland ist meine Liebe. Es hat diese ursprüngliche, getragene Macht und ist wunderschön. Ein Video vom Sängerfest 2004 gibt es hier.


Zum Abschluss geht es noch zum sowjetischen Ehrenmal am Ostseeufer. Die Aussicht hinüber auf das Stadtzentrum über die graublauen Fluten ist weit, offen und herrlich. Der Wind weht, und ich fühle mich aufgehoben in dieser winzigen internationalen Gruppe von liebenswerten Menschen, während mein Blick über die Landschaft schweift. Das Mahnmal selbst ist von jener faschistischen Ästhetik, die man nicht schön finden kann und deren imposantem Eindruck man sich doch nicht entziehen kann. Der Weg zurück in die Stadt führt noch an der Rusalka vorbei, einem Denkmal, das auf fast jeder Ansichtskarte von Tallinn zu sehen ist - Rusalka ist russisch und bedeutet Meerjungfrau, auch diese Statue erinnert an ein Schiffsunglück, aber die Urban Legend behauptet, es handele sich um Lenin mit Flügeln, wie Epp und augenzwinkernd berichtet.  Die Esten haben Humor, das ist nicht zu leugnen.

Unter strahlend blauem Himmel kommen wir wieder am Harju-Hügel an. Wir verabschieden uns voneinander wie alte Freunde. Europa wird immer kleiner, und ich freue mich an dem Gefühl, dass dieses Konzept, dieses Europa, das wir nun seit etwas mehr als 20 Jahren aufbauen und mit dem aufzuwachsen ich das große Glück hatte, uns solche Glücksmomente schenken kann wie diesen Nachmittag.

Tallinn I

Den Übertritt in das dreißigste Land meiner Reisehistorie verschlafe ich, aber auf dem Weg habe ich doch das Gefühl, dass sich die Landschaft verändert. Sie wird noch etwas offener, weiter und grüner. In Tallinn bringt uns ein ausgesprochen netter Taxifahrer zum Hostel - er hat so etwas Verschmitztes, Fröhliches. Vielleicht liegt es daran, dass er uns übers Ohr haut: Die Taxifahrt vier Tage später zurück zum Bahnhof wird für die gleiche Strecke nur die Hälfte des Geldes kosten. Aber das wissen wir noch nicht, als wir bei nordisch-schönem Wetter unsere ersten Eindrücke der estnischen Hauptstadt genießen. 

Nach einem kurzen Stopp im minimalistisch ausgestatteten Hostel machen wir einen ersten kurzen Gang in die Innenstadt. Unter einem strahlend blauen Himmel mischen wir uns unter die vielen Menschen. Es ist halb 8 am Abend, aber das Licht wirkt eher wie Spätnachmittag, und die Farbe des Himmels erinnert mich an Dänemark - sie ist von einer besonderen Intensität und einer inneren Kraft. Vor uns tut sich der Marktplatz auf: groß, weit, offen und voller Leben. Ich mag große Freiflächen inmitten einer Stadt, sie lassen mir Luft zum Atmen, zum Erfassen und Verarbeiten. 


Die Schönheit der alten Häuser rührt mich an, die vielen Straßencafes und -restaurants sprühen und wuseln darunter im ganzen Glanz des kapitalistischen Konsums. Ich muss den Anblick ein wenig auf mich wirken lassen, bis ich ihn begreifen kann: eine Mischung aus einem dauerhaften Mittelaltermarkt und einer modernen westlichen Großstadt.
Ich bin vorrangig begeistert von der Atmosphäre und dem wunderschönen Stadtbild. Gleichzeitig irritiert es mich, dass vor allen Restaurants Hostessen stehen, die die Passanten abfangen sollen. Es erinnert an die Türkei, nur wird das Anpreisen des eigenen Restaurants hier nicht ganz so aggressiv betrieben. Ich habe diesen Kundenfang auch in Wroclaw und Krakow schon erlebt. Das touristische Gewusel erinnert mich auch an Dubrovnik, wo mich im letzten Jahr die Menschenfülle und die starke Präsenz der englischen Sprache so verärgert hat. Hier stört mich das erstaunlich wenig, und dieser Umstand wundert mich fast ein bisschen. Ich habe vor der Reise schon vermutet, dass mich Tallinn bezaubern wird. Mit manchen Orten geht es mir so, und ich weiß oft nicht genau, woher dieses Gefühl kommt. Überraschenderweise liege ich jedoch meistens richtig. So geht es mir auch hier: Von Anfang an zieht mich Tallinn in seinen Bann, und ich verzeihe der Stadt ihren Kommerz und ihre Touristenfallen. Wir essen zu Abend in einer Seitenstraße des Marktplatzes; Fischsalat und Hummersuppe für teures Geld, aber beides eine absolute Gaumenfreude.

Am nächsten Morgen laufen wir über die Oberstadt wieder ins Zentrum. Wir verlaufen uns kurz zwischen der Newski-Kathedrale und der Treppe in die Unterstadt, werden aber mit einem herrlichen Blick von einem der Aussichtspunkte entschädigt:


Frühstück besorgen wir uns in einer kleinen Delikatessen-Bäckerei, die der Lonely Planet empfiehlt. Wieder ist es erstaunlich teuer, und wir befürchten das schlimmste für unser Budget. Später werden wir lernen, dass Estland seit der Einführung des Euro 2011 eine allgemeine Preissteigerung von 25% erlebt hat. Überdies verdienen viele Tallinner ihr Geld in Helsinki, das nur eine anderthalbstündige Fährfahrt entfernt liegt. Es hilft nicht, sich darüber zu ärgern. Wir verzehren unsere Croissants auf den Stufen an einem der alten Tore in der Stadtmauer in der Sonne, schlendern anschließend ein wenig durch die Stadt und planen die nächsten Tage. Beim Kaffee auf dem Markt stelle ich erschrocken fest, dass meine Kamera nicht da ist. Wiebke und ich teilen uns auf, um die Stationen des Morgens noch einmal abzulaufen. Wir treffen uns wieder, erfolglos. Ich bin mir fast sicher, dass ich die Kamera beim Frühstück auf den Stufen habe liegenlassen, aber dort war sie nicht mehr. Wiebke schlägt vor, noch einmal beim gegenüberliegenden Museum nachzufragen. Ich bin skeptisch und glaube nicht, dass jemand eine gefundene Kamera irgendwo abgibt. Wiebke besteht darauf und zieht noch einmal los, um ihr Glück zu versuchen. Ich warte am Harju-Hügel auf sie. Eine Weile später sagt sie hinter mir meinen Namen. Ich drehe mich um, und sie drückt auf den Auslöser. Tatsächlich ist die Kamera abgegeben worden. Ich bin ein bisschen sprachlos und sehr dankbar. 

Es ist spannend mit Wiebke zu reisen. Sie ist in mancherlei Hinsicht doch viel resoluter und auch viel weniger abgeklärt als ich. An anderen Stellen bin ich selbst diejenige, die entspannter und optimistischer denkt. Wir ergänzen uns sehr gut, besonders auch, wenn wir mit Menschen ins Gespräch kommen und Fragen stellen. Wiebke befragt die Leute zur allgemeinen gesellschaftlichen Situation im Land: Kriminalität, Bildungswesen, Emigration. Meine Fragen beziehen sich häufig auf Geschichte, Landessprache und Politik, besonders Minderheitenpolitik. So lernen wir beide viel mehr, als es jede von uns alleine geschafft hätte.

Den Nachmittag verbringen wir in der Sonne auf dem Harju-Hügel.


Die Gegend wurde im Zweiten Weltkrieg von der Roten Armee fast vollständig zerstört. Große Informationstafeln an der unteren Befestigung des Hügels informieren über diesen traurigen Teil der Stadtgeschichte. Russland hat bis in die 1990er Jahre die Bombardierung Tallinns geleugnet und die fast vollständige Zerstörung der Innenstadt den Deutschen angelastet. In der Aufarbeitung wird es so dargestellt, dass die Bombardierung Teil des russischen Plans war, als Befreiungsmacht auftreten und Estland so zum Beitritt zur Sowjetunion zwingen zu können. Der Blick auf die Geschichte ist mir auch hier, wie in Vilnius im Genozidmuseum, etwas zu plakativ. Ich möchte noch besser begreifen, wie die Geschichte hier verlaufen ist, denn im komplizierten Umgang mit der russischen Minderheit in der Region ziehen sich die historischen Fäden eindeutig bis heute fort.  
Der Harju-Hügel ist zumindest wieder aufgebaut und als kleine Parkanlage mit einem kleinen Spielplatz und hübschen Holzliegen gestaltet. Wir liegen dort und sind eine Weile nebeneinander jede für sich. Ein junger Vater spielt mit seiner zweijährigen Tochter. Beide sehen blond und nordeuropäisch aus, und der Umgang des jungen Mannes mit dem Kind ist so natürlich und so liebevoll, dass ich die ganze Zeit zuschauen möchte. Die beiden strahlen miteinander eine große Selbstverständlichkeit, fast Alltäglichkeit aus; und gleichzeitig wirkt doch jede Bewegung so, als wäre dieser Augenblick ein ganz besonderer. Es sind diese kleinen Beobachtungen, für die einem das Leben oft nur auf Reisen ausreichend Zeit lässt.

Am nächsten Morgen trennen Wiebke und ich uns für ein paar Stunden. Sie geht zu einer kostenlosen Stadtführung mit, die täglich um 12 auf dem Harju-Hügel beginnt. Ich entschließe mich, einmal ein wenig für mich zu sein. Ich muss nachdenken, wirken lassen, schreiben. Ich lege mich in den Hirvepark auf dern frischgemähten Rasen in die Sonne und höre Musik. Etwas abseits erheben sich die Fundamente der Oberstadt, bis zu den Mauertürmen kann man hochgucken.


 Tatsächlich habe ich bisher noch nicht viel Zeit gehabt, einfach nur in mich hineinzuhören. Welche Bedürfnisse signalisiert mir mein Körper? Welche Eindrücke haben sich in mein Herz gebrannt? Welche Sehnsüchte haben die Erfahrungen in mir freigesetzt? In Gesellschaft ist es für mich schwerer, diesen Fragen nachzugehen. Ich merke nur in diesem Moment, den Geruch von frischem Gras in der Nase und die strahlende Sommersonne im Gesicht, dass ich mich in Tallinn wohl fühle, ohne dass ich mich anstrengen muss. Zuhause in Berlin verlangt mir die Stadt pausenlose Anstrengungen ab. Hier gibt es Ruhe und Schönheit, und das Reisen bringt die nötige Zwanglosigkeit und Freiheit dazu.
Ich kuschle mich auf meinen Pulli und halte ein paar Gedanken schriftlich fest, Mando Diao schallt aus meinen Kopfhörern. Plötzlich fällt ein Schatten auf mich. Ich erschrecke mich fürchterlich und drehe mich nach allen Seiten, aber ich sehe nicht woher der Schatten kommt. Da spricht jemand mit mir. Ich nehme den Kopfhörer aus den Ohren. "Excuse me?" sage ich. Ein junger Mann steht neben mir. "I thought you were deed." Ich verstehe ihn nicht, habe mich vom Schreck noch nicht erholt und sage etwas unwirsch: "What?" "Deed," wiederholt er und hockt sich hin. "Oh no, I'm not dead, don't worry, I'm just writing," sage ich, und muss nun lachen. Da lächelt auch er. Mit den Worten "OK. Be cool!" erhebt er sich und setzt seinen Spaziergang fort. Unaufdringlich und höflich, nur besorgt. Die Esten machen bisher einen sehr freundlichen und liebenswerten Eindruck.
An der Stadtmauer entlang wandle ich auf abseitigen Wegen ohne einen jeden Touristen zurück in die Altstadt und treffe mich mit Wiebke. Der Tag hat sehr gut angefangen.


Freitag, 24. August 2012

Rīga / Riga

In Riga steigen wir am Freiheitsdenkmal aus und laufen durch die Altstadt zur Daugava, dem grossen Fluss, der die Stadt durchzieht. Ein richtiger, anständiger Strom, wie es Flüsse nur dann sind, wenn sie wenig später ins Meer münden. Mit dem Bus fahren wir zurück zu Martin, nur um gleich wieder aufzubrechen in die so genannte Ruhige Altstadt zum Abendessen in einem wunderbaren Restaurant mit dem auch in Übersetzung hübschen Namen "Fliegender Frosch". Anschliessend trinken wir ein Bier in einer Kellerkneipe mit einer Liveband, die Folkmusik spielt. Martin bestellt Knoblauchbrot. Serviert wird dunkles Schwarzbrot in dicken Stiften, in Knoblauch und Oel eingelegt und dann angebraten, knusprig und noch warm mit Joghurtdip - himmlisch. Auf dem Weg zum Restaurant, von dort zur Kneipe und schliesslich auch nach hause hat Martin an jeder Ecke etwas zu erzählen über die Geschichte der Stadt und über sein Leben dort. Nach vier Jahren kennt er Riga wirklich gut, und man merkt die Liebe zu seiner Wahlheimat jedem seiner Worte an. 

Am nächsten Morgen schlafen wir aus, irgendwann geht Martin Frühstück holen in einer Beķereja. Das ķ spricht man tj, Betjereja also. Da klingt das Wort beim Reden nicht wie das deutsche "Bäckerei", aber es sieht so aus, nur niedlicher, und weil ich es am Beispiel von Martins Stammbäckerei lerne, wird das Wort für mich zum Synonym für das beste Frühstück der Reise. Die Käsecroissants haben nicht etwa nur ein bisschen Käse oben drauf, sondern sind großzügig damit gefüllt. Die Creme in den Karamellcroissants ist süß und dick und ergänzt sich so herrlich mit dem luftigen, zarten Blätterteig. Der Kuchen ist gar nicht zu beschreiben, er hat so viele Schichten und eigentlich kann ich morgens gar nicht so viel essen, aber es schmeckt so gut. 
Wir fahren anschliessend mit dem Zug nach Jūrmala an den Ostseestrand. Auf dem Weg von der kleinen Bahnstation durch das Städtchen an den vielen Souvenirständen und Touristenfallen vorbei sprechen fast alle Menschen Russisch. Erst Martin weist uns darauf hin, als er nach einer Weile sagt, er habe noch kein Wort Lettisch gehört. Danach fällt es mir auch auf. Hier kommen wohlhabende Russen zum Urlaubmachen hin. Auf der anderen Seite gibt es die grosse russische Minderheit, die so viel mit Primitivität, Alkohol, Kriminalität und Armut assoziiert wird. Eine schlimme Schere, die da aufgeht. Endlich kommen wir über die kleine Düne zum Strand. 


Es ist der erste Blick auf die Ostsee auf dieser Reise, es ist windig und das Meer braust ungestüm vor uns. Ich muss zumindest einmal die Füße ins Wasser halten, obwohl es ziemlich kalt ist. Aber als das Salzwasser meine Knöchel umspült, freue ich mich wie ein kleines Mädchen. Die Ostsee. Sie ist mein Zuhause-Meer. Eine Weile stapfen wir durch den feinen weissen Sand am Wasser entlang, der Wind pustet uns um die Nasen und wir sind ganz froh, dass wir gegen den Sturm unsere Regenjacken angezogen haben, die uns warm halten. Einen freien, klareren Kopf hat mir so ein Ostseespaziergang noch immer beschert. 

Nach einem kleinen Mittagsschlaf fahren wir gegen Abend mit dem Bus zu einer Freundin, bei der wir im Garten grillen. Alle, die dort sind, gehören wie Martin, Wiebke und ich dem Ehrenamtlichen-Netzwerk von YFU an. Ieva aus Litauen, die uns in Vilnius beherbergt hat, ist extra angereist. Alle anderen sind Letten. Die Gastgeberin des Abends, sie heisst ebenfalls Ieva, hat mit ihrer Familie erst vor Kurzem das Haus in der ruhigen und hübschen Nachbarschaft bezogen. Auf die Frage danach, wie die Nachbarn so sind, antwortet sie zuerst, dass es sich um Letten handelt. Für Wiebke und mich ist das seltsam. Uns wird aber versichert, dass das eine wichtige Information ist, man hätte mit den Russen nur Unruhe in der Nähe; Lärm, Parties, Alkohol. Das bringt mich dazu, über Stereotypen nachzudenken. Sie klingen so vorurteilsbehaftet, diese Sätze, und ich bin mir doch ganz sicher, dass alle Anwesenden ihre Aussagen auf eigenen Erfahrungen aufbauen. Vorurteile entstehen leider nicht von ungefähr, und sicher können alle diese Menschen ihre Vorurteile beseite lassen, wenn sie jemanden kennen lernen, der sie vom Gegenteil überzeugt. Aber sie werden ihn als Ausnahme einstufen, weil sie eine andere Regel gelernt haben, und es ist schwer, eine neue Regel, eine neue Norm durchzusetzen. Es ist auch schwer, solche gesellschaftlichen Spaltungen wie die zwischen Letten und Russen zu überwinden, in denen die einen zu den anderen kaum Kontakt haben. Über dem guten Essen und dem lustig lodernden Lagerfeuer bleiben wir aber nicht bei ernsten Themen. Es ist ein fröhlicher, schöner Abend mit herzlichen, liebenswerten Menschen. 


Am naechsten Morgen treffen wir uns alle nochmal am Freiheitsdenkmal und laufen durch die Altstadt. Der Turbokapitalismus hat auch hier zugeschlagen, es gibt sehr viele stylische Kneipen und einige Werbeplakate auf englisch. Gleichzeitig ist die Altstadt gespickt mit wunderschönen Gebäuden. Gegründet durch einen Bremer Bischoff erinnert mich Riga tatsächlich an Bremen, es gibt sogar einen Roland und eine Statue der Bremer Stadtmusikanten wie vor dem Bremer Rathaus. Leider können wir wegen des Gottesdienstes nicht in den Dom, der von außen eingerüstet ist und dessen imposante Schönheit auf dem großen Domplatz deshalb nicht ganz zur Geltung kommen kann. Das Erbe der Hanse ist an allen Ecken spürbar, vielleicht besonders für ein Hansestadtkind wie mich. Von unbeschreiblicher Schönheit ist das Melngalvju nams, das Schwarzhäupterhaus am Rathausplatz, (lettisch Rātslaukums). 



Backsteingotik von solcher Pracht, dass man die hanseatischen Kaufleute praktisch noch ein- und ausgehen sieht.
Zu einem Ende kommt unser Stadtbummel außerhalb der Altstadt, die laut unseren lettischen Freunden ohnehin von den Einheimischen nicht oft besucht wird - zu voll, zu teuer, zu touristisch. Ist dies eigentlich das Verhängnis jeder schönen Altstadt Europas? Wir zumindest genießen erst noch das Stadtpanorama von der Riga Terasse auf dem Dach eines edlen Einkaufszentrums.


Dann gehen wir ganz kosmopolitisch zum Mexikaner essen. Nebenher läuft der olympische Marathon. In Litauen und Lettland spielt die Olympiade eine ganz andere Rolle als in Deutschland. Jeder Sport, in dem Chancen auf Medaillen bestehen, wird begeistert verfolgt, jede Medaille frenetisch gefeiert. Bei uns geht die Leistung des Einzelnen oft in der Masse unter. Diskuswerfen habe ich bis in Vilnius noch nie geschaut, und dort nur, weil ein Litauer im Finale stand. Zufällig hat ein Deutscher gewonnen. Das hätte ich sonst niemals zur Kenntnis genommen. Nachdem Lettland im Beachvolleyball Bronze gewann, soll auf google die Suchanfrage "Where is" durch den Vorschlag "Latvia" automatisch ergänzt worden sein, weil die Abfrage so häufig gestellt wurde. Dafür sind die Olympischen Spiele da: Ein Land präsentiert der Welt sich und seine Leistung. Ich glaube wir vergessen das häufig.
Schließlich kommt der Abschied von neuen Freunden und der Weg zum Busbahnhof. Heute bringt uns der LuxExpress mit WLAN und kostenlosem Kaffee und Tee nach Tallinn. Estland ist das dreißigste Land in der Reisehistorie meines Lebens. Ich bin ein bisschen aufgeregt.

Travel History

Ravelling in the past is a thing that one should not do too much - not if it is at the cost of the present. But it's hard not to look back at all the things I've seen and cherish those memories more than anything. Europe, my beloved Europe, in the palm of my hand, presented on this map:


Reisehistorie
Deutschlandkarten auf stepmap.de: http://www.stepmap.de/landkarte-deutschland'
StepMap Reisehistorie




A few words to explain the somewhat original coloring of this map:

RED: Germany, as it is my home base
LIGHT ORANGE: The countries I have visited on my five month trip to the Balkans in 2010 and that have inspired me to take up blogging altogether
DARK ORANGE: The Baltics which I have visited on my summer trip in 2012
GREEN: All the countries I have written about on this blog that were not part of a larger journey, but just of one or more short visits
LIGHT BLUE: All the countries I have been to but not written about on this blog

The only cities indicated are my Sehnsuchtsorte (Places of Desire) and my home base Berlin.

The other countries are, naturally, on the bucket list.

The countries I have been to are, in alphabetical order:

Albania
Austria
Bosnia and Hercegovina
Bulgaria
Croatia
Cyprus
Czech Republic
Denmark
England
Estonia
France
Greece
Hungary
Italy
Kosovo
Latvia
Lithuania
Macedonia (FYROM)
Mexico
Montenegro
Poland
Serbia
Slovakia
Slovenia
Spain
Sweden
Switzerland
Turkey
Ukraine
USA

Two of them are non-European and thus do not show on the map. But... as of this year the number amounts to an even 30 and I am just a bit psyched about that!

Freitag, 17. August 2012

Erste Eindrücke von Riga und der Gauja-Nationalpark

Im Bus nach Riga werden wir auf deutsch dazu aufgefordert, unsere Dokumente vorzuzeigen, und als wir dann losfahren, macht der Busfahrer die Ansagen auf litauisch, russisch und deutsch. Wiebke vermutet, dass er nur für uns deutsch spricht, darauf wäre ich gar nicht gekommen; aber es ist schon immer erstaunlich, wenn im Ausland jemand so gutes Deutsch spricht. Englisch ist mir zum Kommunizieren im Ausland viel lieber, schließlich handelt es sich dabei meist auf beiden Seiten um eine Fremdsprache, das ist nur fair. Zu erwarten, dass jemand Deutsch kann, kommt mir immer ein bisschen vermessen vor. Zu erwarten, dass jemand Englisch kann, kommt mir ziemlich selbstverständlich vor. Logisch ist das nicht.

In Riga holt uns Martin am Busbahnhof ab. Wiebke kennt ihn durch unser gemeinsames Ehrenamt. In seiner geräumigen Altbauwohnung macht er uns erstmal eine Riesenportion Bratkartoffeln. Abends kommt eine ganze Menge Freunde von ihm vorbei: noch ein anderer Deutscher und eine Horde Letten. Es wird eine gemütliche Studentenparty, die sich über netten Gesprächen und dem ein oder anderen Bier bis in die frühen Morgenstunden hinzieht. Wiebke und ich schlafen irgendwann angezogen auf dem Sofa ein, als ich aufwache hat uns einer der Jungs zugedeckt und die letzten Gäste feiern in der Küche immer noch. Ich denke an meine frühen Studentenjahre, lächle in mich hinein und schlafe wieder ein.

Am nächsten Morgen schläft Martin noch, als wir ein paar Sachen in unseren kleinen Tagesrucksack packen und uns auf den Weg zum Bahnhof machen. Durch die Altstadt laufen wir zuerst zu Coffee Inn, einer Art baltischem Starbucks mit phantastisch cremigem Käsekuchen und gutem Kaffee. Dort holen wir uns ein kleines Frühstück und suchen dann den Bahnhof. An einer Strassenecke fragt Wiebke den jungen Mann neben uns an der Ampel. Er spricht nur gebrochen Englisch, aber er sagt gleich bereitwillig: "Train station? I go there, I show you." Er fragt uns dann auch gleich sehr interessiert, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Ich bewundere es, wenn Menschen Kontakt in einer Sprache suchen, die sie nicht so gut können. Wenn ich mich in einer Sprache nicht sicher fühle, bin ich meistens sehr unsicher und geradezu schüchtern. Der Kerl ist von einer so angenehmen, unaufdringlichen Freundlichkeit, dass die Sprachbarriere gar nicht ins Gewicht fällt. Er zeigt uns Patronenhülsen, die er auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs in der Nähe entdeckt haben will. Seine Augen leuchten vor Begeisterung über diesen Fund. Er hilft uns beim Ticketkauf und bringt uns bis zum Gleis, wo er sich sehr höflich verabschiedet.
Im Zug nach Cesis (dt. Wenden) essen wir unsere Brote. Die Vegetation draussen erscheint mir sehr baltisch: sandige Böden, Nadelwälder, Gräser und Strandhafer. Je weiter wir aber ins Landesinnere vordringen, desto mehr Laubbäume bestimmen auch die Landschaft. Es ist mir vertraut, und es berührt mich mehr, als die litauische Landschaft es bisher getan hat.  

Am Bahnhof in Cesis versuchen wir, den Fahrplan zu entschlüsseln, aber er ist sehr kryptisch. Eine ältere Dame sitzt mit ihrem vielleicht sechsjährigen Enkel auf der Bank daneben und spricht uns auf lettisch an. Ich versuche, ihr zu erklären, dass wir nicht nach Riga wollen, sondern nach Sigulda, und auch erst in ein paar Stunden, aber sie spricht kein Englisch - plötzlich beginnt ihr kleiner Enkel meine langsam gesprochenen Sätze mit einer unglaublichen Routine zu übersetzen. Erstaunlich. Vielleicht häufen sich hier die Reflexionen über Sprache, weil ich wieder in einem Land bin, in dem ich die Landessprache kein bisschen verstehen, geschweige denn sprechen kann. Es ist ein anderes Reisen, man muss viel mehr nachfragen, weil man weniger nebenbei aufschnappen kann. Manche Schriftzüge auf Denkmälern photographiere ich, um später jemanden fragen zu können, was dort steht. Und trotzdem entgeht mir so vieles. Ich beschliesse in allen drei Ländern dieser Reise, dass ich die Sprache lernen möchte. Hätte man doch nur mehrere Leben zur Verfügung, um all das unterzukriegen, was man gerne machen möchte.
Wir laufen durch einen hübschen kleinen Park an einem See entlang, ohne den Stadtplan zu entfalten, und wie es in einer so kleinen Stadt zu vermuten war, taucht sie plötzlich auf ihrem Hügel thronend vor uns auf, die Burg von Cesis.



Unten am Parkteich führt ein kleiner Treppenabsatz zum Ufer, der von zwei weissen Statuen gesäumt ist, die sich in Richtung der Burg verneigen. Weiter oben am Hang gibt es eine Freitreppe, auf deren Geländer kleine weisse steinerne Engel Musikinstrumente spielen, als wollten sie den, der die Treppe beschreitet, mit Glanz und Gloria zur Burg geleiten. Alles erinnert ein bisschen an eine Kulisse für Schwanensee. Im Nieselregen wandern wir in unseren leuchtend blauen Regencapes einmal die Burgmauer ab. Graue Feldsteine, rote Backsteine und auf dem Turm des neuen Schlosses die lettische Fahne.



1988 wehte sie zum ersten Mal in ganz Lettland wieder hier. Auch gestern auf der Party ging es darum: Lettland hat gelitten, bevor es seine Unabhängigkeit wieder erlangt hat, und Wiebke findet, dass man den älteren und alten Menschen hier ihr hartes Leben ganz anders ansieht als noch in Litauen. Vielleicht lag es an Vilnius, das sehr herausgeputzt ist. Und mich fasziniert wieder Lettland, wieder ein Land, das eine Schwere mit sich trägt und trotzdem eine lebendige, fröhliche Gegenwart zu gestalten vermag.

Abends fahren wir nach Sigulda. Martin hat uns hier eine Unterkunft bei seinem Freund Karlis besorgt. Er zeigt uns noch auf dem Weg vom Bus ein paar herrliche Ausblicke über das Gauja-Tal, in dem sich der Fluss, eben die Gauja, in der Abendsonne friedlich dahinschlängelt.



Anschliessend gibt es Abendbrot in der Wohnung seiner Eltern in der kleinen Küche. Wir unterhalten uns lange mit seiner Mutter, die Geschichtslehrerin ist, am Baltischen Weg teilgenommen hat und deren Mann 1991 bei den Barrikaden in Riga im Kampf um die lettische Unabhängigkeit teilgenommen hat. Sie erklärt uns, was es mit der Singenden Revolution auf sich hat, im Rahmen derer im Baltikum durch das Singen von traditionellen patriotischen Liedern denr Sowjetmacht der Kampf angesagt wurde. Karlis hat uns schon ein bisschen darüber erzählt, er sagt viel, dass mit militärischen Mitteln ja nichts auszurichten gewesen sei. Aber wieviel schöner ist es auch, wenn ein Land behaupten kann, durch Musik zur Unabhängigkeit gekommen zu sein. Blut hat es bei den Barrikadenkämpfen in allen drei Ländern genug gegeben. Wir schlafen in einem Zimmer in der Zweiraumwohnung, die Familie zu dritt in dem anderen. Die osteuropäische Gastfreundschaft, die mich immer wieder in Erstaunen versetzt, ich kann mir so etwas in Deutschland kaum vorstellen.
Am nächsten Morgen schüttet und giesst es, dass man kaum vor die Tür gehen mag. Wir nehmen den Bus zur Ordensburg von Turaida, die wir am Abend zuvor schon leuchtend rot in der Ferne auf der anderen Seite des Gauja-Tals entdeckt haben.


Das Gelände ist gross, wegen des Regens können wir es nicht so ausführlich erkunden, wie wir es gerne würden. Wir halten uns deshalb in den Gebäuden der Burg auf, in denen Ausstellungen über die Geschichte der Livländischen Schweiz, in der wir uns befinden, aufklären. Der Blick, ins Land vom Burgturm zeigt schwarze, dampfende Wälder, aus denen dicke Nebelschwaden aufsteigen wie in einem Märchen über einen bösen Zauberer. Die Gauja macht unter uns einen grossen, mächtigen Bogen und ist von fast bleierner Farbe, schwer und beruhigend.


Später, von der Brücke im Tal aus nach dem Abstieg übver die glitschigen Holzstufen, ist die Gauja rot von Eisen, aber sie soll sehr sauber sein. Wir nehmen den Sessellift zurück auf die Höhen von Sigulda. Die Sonne scheint wieder, die Regencapes sind im Rucksack verstaut. Wir besuchen das Neue Schloss mit seinen bunten Farben und die dahinterliegende Schlossruine mit ihrer riesigen Sommerbühne und den hübschen kleinen Aussichtspunkten, die wieder den Blick auf die rote Ordenbsurg von Turaida freigeben.


Sigulda ist ein malerischer Ort voll von Geschichte und von Geschichten. Wir hätten gerne noch etwas mehr Zeit im Sonnenschein gehabt. Zu früh müssen wir zurück zum Bus, der uns wieder in die Grossstadt Riga bringen soll. 

Die zwei Tage in der freien Natur, sie waren sehr wichtig für uns. Unsere Körper erholen sich von der Schreibtischarbeit, unsere blassen Gesichter haben etwas Farbe und wir sind froh, dass sich unser Eindruck von Lettland nicht auf Riga beschränken wird. Karlis hat gesagt, dass wir in Sigulda ein Stückchen vom "wahren Lettland" kennen lernen. Nicht zuletzt dank der privaten Geschichtsstunden bei seiner Mutter mag das wohl stimmen. 

Donnerstag, 16. August 2012

Vilnius

Nach einer erfrischenden Dusche laufen Wiebke und ich zurück in die Stadt und immer der Nase nach die hübschen kleinen Straßen hinauf und hinunter. Der Himmel ist weit und blau über den niedrigen Häuserreihen, und die Altstadt scheint sich kilometerweit zu erstrecken - sie gehört zu den grössten Altstädten in Europa. Der Glockenturm der Sankt Johannis Kirche an der Universität strebt majestätisch gen Himmel, und der kurze Blick in den grossen Innenhof eröffnet eine herrliche Aussicht. Hier zu studieren muss sich schon sehr erhaben anfühlen.

Wir laufen zur Kathedrale und setzen uns auf ein Mäuerchen auf dem Vorplatz, um uns gegenseitig aus unseren Reiseführern vorzulesen.


Auf dem Platz ist ein bunt geschmückter Stein in den Boden eintgelassen. An diesem Punkt ging am 23. August 1989 der so genannte Baltische Weg los, eine Menschenkette von 650 Kilometern Länge, die sich von Vilnius über Riga nach Tallinn zog. An ihr nahmen Menschen aus allen drei baltischen Staaten Teil, um an den Nichtangriffs-Pakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion zu erinnern und gegen die sowjetische Okkupation zu protestieren. Wie der Reiseführer es empfiehlt, stellen wir uns jede einmal auf den Stein, drehen uns um 360 Grad und wünschen uns etwas - es soll dann ein Wunder geschehen. Die Idee des Baltischen Weges fasziniert mich maßlos, sie wird mich noch weiter beschäftigen auf dieser Reise.

Anschliessend klettern wir auf den Gediminas-Hügel. Von oben bietet sich erst der Blick nach links auf die Neustadt - modern, verchromt, fortschrittlich. Ein paar Schritte weiter, und man schaut über die alte Wehrmauer nach rechts auf die Altstadt: traditionell, farbenfroh und historisch.



Ein eindrucksvoller Kontrast, vor allem wegen der radikalen Trennung der zwei Seiten dieser Stadt. Neben mir tritt ein Pärchen an die Mauer - es sind mein Tübinger Kollege Daniel und seine Frau Barbara. Europa ist winzig, und die Welt der Slavisten ist es offenbar erst recht. Wir machen einen netten Schnack, die zwei erzählen uns von der Stadtführung, die sie später machen wollen und wir entscheiden uns kurzerhand, uns anzuschliessen. Von der Kathedrale geht es los, die Stadtführerin spricht schnell und ein bisschen hektisch, aber sie hat eine herzliche und gewinnende Art. Daniel und ich entdecken ein paar Ungenauigkeiten oder Fehler, aber Leute wie wir sind ja auch eines jeden Stadtführers schlimmster Albtraum. Zumindest besuchen wir auf diese Weise einige hübsche Ecken in der Stadt, und es beginnt alles langsam, sich zu einem Bild zusammenzufügen. Am besten gefällt mir die Sankt-Annen-Kirche mit ihrer traumhaften backsteingotischen Fassade. Ich habe die Backsteingotik seit meinen Greifswalder Zeiten geliebt, und sie bedeutet mir überall ein Stück Zuhause.



Abends gehen wir mit Ieva und einer Freundin von ihr Pizza essen in Užupis, dem Künstlerviertel von Vilnius. An einer Spiegelwand steht die Verfassung der Republik Užupis, eines Kunstprojekts, in verschiedenen Sprachen. Besonders hübsch sind die Artikel 10 bis 13:

Jeder Mensch hat das Recht, eine Katze zu lieben und für sie zu sorgen.
Jeder Mensch hat das Recht, nach dem Hund zu schauen, bis einer von beiden stirbt.
Ein Hund hat das Recht, ein Hund zu sein.
Eine Katze ist nicht verpflichtet, ihren Besitzer zu lieben, aber muss in Notzeiten helfen.
Der vollständige Text der Verfassung steht hier.



Nach dem Abendessen  sitzen wir auf Ievas Balkon, langsam zieht ein Gewitter herauf, es ist schon ziemlich kühl und windig. Es blitzt in der Ferne, wir reden, trinken Bier oder Wasser und geniessen die etwas unheimliche, gewittrige Stimmung. Plötzlich bricht der Himmel auseinander. Ein riesenhafter Blitz teilt das dunkle Grau über uns für mehrere Sekunden, es sieht aus wie eine einzelne, überdimensionale Feuerwerksrakete. Donner ist immer noch nicht zu hören. Gerade haben wir uns vor lauter Staunen wieder beruhigt, da kommt ein zweiter, noch längerer Blitz. Ein unfassbares Schauspiel, das einem einzelnen kleinen Menschen durchaus die eigene Ohnmacht gegenüber der Natur zu Bewusstsein bringen kann.

Am nächsten Morgen giesst es in Strömen. Wiebke und ich schlafen aus, machen dann einen Spaziergang an der Neris. Am den Ufern sind rote Blumen gepflanzt, die Buchstaben bilden - von Ieva lernen wir später, dass am einen Ufer "Ich liebe dich" zu lesen ist, am anderen "Ich liebe dich auch". Wir sitzen anschliessend eine Weile vor der Sankt-Annen-Kirche und unterhalten uns. Für mich ist es neu und anders, die ganze Zeit auf Reisen jemanden um mich zu haben, der mir auch noch so vertraut ist wie Wiebke. Ich verlasse mich nicht so stark auf meine eigenen Eindrücke und bin nicht so sehr von meiner unmittelbar individuellen Wahrnehmung gelenkt. Dafür sieht ein zweites Paar Augen für mich mit und Wiebke weist mich auf Dinge hin, die ich selbst nicht bemerkt hätte.

Wir machen noch einen Abstecher zum Tor der Morgenröte. Als polnisches "Ostra Brama" ist es mir bekannt, im Kapellchen oben im Torbogen hängt das Bild der Barmherzigen Muttergottes, der Matka Boska Ostrobramska. Sie ist eine der wichtigsten Ikonen in Polen, weil Vilnius früher polnisch war.


Gerade bei unserer Ankunft wird in der Kapelle eine polnische Messe gefeiert. Ich stehe im Torbogen, kann kaum einen Blick auf die Ikone werfen, weil sich die Menschen um mich so drängeln, und dann gibt es sogar eine Kommunion, alle möchten nach vorne und vor dem Bild der Maria den Segen des Priesters empfangen. Die Stimmung ist fast schon angespannt, ich finde sie nicht besonders heilig, geschweige denn erhaben. Wäre die Kapelle leer gewesen, ich hätte sicherlich ganz anders über die Wirkung der Ikone auf mich nachdenken können. So denke ich eigentlich nur darüber nach, wie ich es finde, dass hier nun auf polnisch Gottesdienst gehalten wird. Und ich denke daran, dass die Stadtführerin Adam Mickiewicz, der den Polen als ihr Goethe gilt, zwar nicht dezidiert als Litauer bezeichnet hat, aber wahrlich auch nicht als Polen. Der Streit um ihn ist ein ewiger, Mickiewicz schrieb auf Polnisch, aber eines seiner grössten Werke beginnt mit den Worten "Litwo! Ojczyzno moja!" - "Litauen, mein Vaterland!" Litauen ist wie Polen auch katholisch, aber die Menschen sind wohl weitgehend Atheisten. Wie ist es nun für die Litauer, wenn die Polen hier in der Torkapelle ihrer Religion nachgehen? Und welche Abneigungen gibt es hier? Ich bin mir darüber noch nicht ganz im Klaren, aber ich denke an die Ungarn und Slowaken, an das ehemalige Jugoslawien und an das Verhältnis Polens zu Russland und Deutschland. Historischer Hass oder zumindest historische Ressentiments. Überall in Europa scheinen sie tief in den Mentalitäten zu sitzen.

Am Mittwochmorgen besuchen wir das Genozidmuseum. Obwohl ich im Zusammenhang mit dem Wunderstein und dem Baltischen Weg schon im Reiseführer den Begriff gelesen habe, wird mir jetzt zum ersten Mal klar, wie tief der Stachel der sowjetischen Okkupation in den baltischen Ländern sitzt, wie viel Widerstand es gab und wie stark die Jahre des Kalten Krieges als Jahre der Fremdherrschaft empfunden wurden. Noch nie zuvor ist mir in diesem Maße auch die Gegenüberstellung von Nationalsozialismus und Stalinismus begegnet - und vor allem nicht mit einem ganz konkreten Beispiel dafür, dass der Nationalsozialismus das kleinere Übel für ein Land dargestellt hat. Insgesamt finde ich das Museum zu oberflächlich, auch zu subjektiv und emotional gefärbt. Ich fange aber an, mich in die Geschichte dieser Region hineinzudenken und in mir beginnen Fragen zu entstehen, von denen diese erste Reise ins Baltikum noch nicht alle beantworten können wird.

Dienstag, 14. August 2012

Olsztyn und Ankunft in Vilnius

In Olsztyn habe ich ein bisschen Zeit, bevor Wiebke ankommt. Ich frage eine ältere Dame am Hauptbshnhof nach dem Bus in die Stadt. Wir kommen ins Schnattern, innerhalb von Minuten hat sie mich zu sich nach Hause eingeladen und mich mit ihrem Bekannten Marek verheiratet. Marek ist 30, Hochschulprofessor und reizend, sagt sie. Zwar könne er kein Deutsch, aber mein Polnisch würde schon reichen. Ich solle ihr ein Photo von mir schicken, die Adresse hätte sie mir ja schon gegeben, sie würde dann alles in die Wege leiten. Sehr amüsant.
Der Markt ist wunderbar, nicht ganz so herausgeputzt wie in anderen Städten. Die Bürgerhäuser tragen teils grauen Putz, teils entschieden sozialistisch-realistische Ornamente, aber das alte Rathaus und die Bibliothek in der Mitte des Platzes glänzen. Rechts ab geht es zur Burg, deren roter Backstein in der Sonne leuchtet. Einen Blick werfe ich auch in den Dom, gerade ist Gottesdienst. Das Vater unser, Ojcze nasz, bete ich mit. Am selben morgen habe ich es noch in Szczytno beim schnellen Blick in die dortige evangelische Kirche mitgesprochen. Mit wie viel mehr Prunk der katholische Gottesdienst in dem riesigen Backsteindom gegenüber dem kleinen weißgelben Kirchlein von morgens daherkommt... Ich gehe beim Friedensgruß. Vor dem Dom läuft ein kleines Mädchen herum und reicht allen die Hand.

Schließlich hole ich Wiebke am Westbahnhof Olsztyn Zachodni ab. Wir essen noch einen Happen auf dem kleineren Platz zwischen Hohem Tor und Markt, dann geht es zum Hauptbahnhof und zum Bus. Nach Suwałki verläuft alles ohne Zwischenfälle, wir verschnacken so die Zeit.
In Suwałki haben wir von 23 bis 2 Uhr Aufenthalt. Ich frage den Herrn an der Bahnhofsaufsicht, ob mit unseren Onlinetickets alles in Ordnung ist und wo der Bus fährt. Er zeigt auf ein rotes Haltestellenhäuschen direkt an der Hauptstraße. Etwas skeptisch Blicke ich auf die etwa 20 schicken, asphaltierten Bussteige des Busbahnhofs. Da sollte der Bus halten, erklärt der Herr, tut er aber nie. Wir müssten jetzt aber ja 3 Stunden warten. Wissen wir. Nun ja, wenn was sei, er sei am Schalter. Wir machen es uns auf einer Bank gemütlich. Alle zwanzig bis dreißig Minuten kommt unser Bahnhofsschutzengel heraus, stellt sich mit seiner Zigarette zu uns und macht einen kurzen Schnack mit mir. Wiebke lässt sich dann hinterher von mir übersetzen, worum es ging: Suwałki ist angeblich die sauberste Stadt Polens, und auf der Hauptstraße fahren täglich 4000 LKWs Richtung Russland und Litauen; Inzwischen gehen wohl mehr Polen nach Deutschland als nach England, er selbst war noch nicht da, aber vielleicht kommt er mal, zum Spargelstechen.
Es wird kälter, ich wickle mich in meinen Rock, Wiebke zieht eine Strumpfhose unter. Da kommt die SMS: 50 Minuten Verspätung. Zwar bin ich begeistert von der Technik, die mich informiert, nicht aber von der Aussicht, noch bis 3 Uhr früh warten zu müssen. Über uns scheppert die Bahnhofsuhr, wenn die Zahlen im digitalen Format umspringen. Die Uhr zeigt auch die Temperatur, aber wie 21 Grad fühlt es sich wahrlich nicht an. Als der Bus endlich zwischen den LKWs auftaucht, sind wir doch sehr froh und schlafen auf unseren Sitzen im Oberdeck sofort ein.

Fast verschlafen wir gut vier Stunden später denn auch den Hauptbusbahnhof in Vilnius. Erst auf Nachfrage bei unseren Sitznachbarn merken wir, dass wir da sind und müssen dann etwas eilig aussteigen. Die Sonne scheint, wir laufen mit unseren Rucksäcken durch das Tor der Morgenröte und weiter zu Ernst & Young, wo wir unsere Gastgeberin Ieva treffen. Sie läuft mit uns durch die Stadt nach Hause zu ihrer niedlichen Altstadtwohnung. Schon auf dem Weg wird mir klar, was der stete Hinweis auf die "barocke Pracht" in den Reiseführern meint. Es ist geradezu erschlagend, so bunt und sauber und verspielt, wenn auch immer wieder schlichtere Renaissancebauten die schillernden Häuserreihen um ein ruhiges Element bereichern. Zwei Tage hier liegen vor uns, die Sonne scheint und es ist Urlaub.

Dienstag, 7. August 2012

Szczytno (Ortelsburg) und Pasym (Passenheim)

Im Hotel in Szczytno spricht die Rezeptionistin hervorragendes Deutsch. Meine Mutter macht sie auf den Geburtsort im Pass meines Vaters aufmerksam - sie lächelt und sagt routiniert freundlich: "Ja, ich sehe schon." Wahrscheinlich passiert ihr das ständig, und nur bei Menschen, in deren Pass eben "Ortelsburg" steht und nicht etwa "Szczytno". Wir machen uns in aller Kürze frisch, ziehen unsere Regenjacken über, obwohl es inzwischen nicht mehr pladdert, sondern nur noch droeppelt und gehen am Ufer des Jezioro Domowe Male, des kleinen Haussees eine Kleinigkeit essen - gutes polnisches Essen, das mir ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert: Pieroggi für mich, Watrobki für meinen Vater. 

Nach dem Essen brechen wir gleich auf durch den Ort am Rathaus und den Burgfundamenten vorbei zum Grossen Haussee (Jezioro Domowe Duze). Meine Eltern, die 1993 schon einmal hier waren, kommentieren, wie viel hübscher die kleine Hauptstrasse geworden ist, wie viel sie an der Burg restauriert und renoviert haben und wie ansprechend der Stadtstrand gestaltet worden ist. Dann laufen wir in westlicher Richtung am Ufer entlang durch einen hübschen Park, der mir gemessen an der Größe des Stadtzentrums riesig vorkommt. Und ziemlich schnell schon sagt meine Mutter: "Ist das nicht das Haus?" und mein Vater sagt langsam und unaufgeregt: "Das ist das Haus."

Wir kommen von der Rückseite darauf zu, es ist grau verputzt und ziemlich unspektakulaer. Meine Eltern sind sich nicht einig, wo vor 19 Jahren der Weg am Haus vorbei entlangführte; meine Mutter ist sich sicher, dass es den Weg von damals links am Haus vorbei nicht mehr gibt, während mein Vater den Weg, der rechts zum Haus und weiter zur Strasse führt, als denselben von damals wiedererkennen will, obwohl er von viel Gestrüpp befreit sei. Ich schenke meinem Vater da etwas mehr Vertrauen. Wir laufen zur Strasse hoch. Von vorne ist das haus wunderschön aus rotem Backstein mit viel weissem Stuck. Durch die Treppenhausfenster über der Haustür sieht man ein weisses altmodisches Holzgeländer. Rechts oben, Dachgeschosswohnung. Da ist es. 
Die Haustür steht offen. Nun steigen wir also tatsächlich die Treppe hoch und wollen dort klingeln. Als meine Eltern das letzte Mal hier waren, haben sie sich nicht getraut, diesen Schritt zu gehen, ohne Polnischkenntnisse und so kurz nach der Wende. Ich habe ein bisschen Angst und weiss gar nicht so richtig was nun passieren wird. Wir stehen vor der Wohnungstür, ich finde, dass mein Vater klingeln muss, reden kann dann ja ich. Also drückt mein Papi auf den Klingelknopf der Wohnung, in der er zur Welt gekommen ist. Erst passiert nichts. Kinder plärren hinter der Tür. Ich stehe zwischen meinen Eltern und frage mich eigentlich die ganze Zeit, wie diese Situation für andere Menschen ist - für meinen Vater, für meine Mutter und für die Bewohner dieser Wohnung. Dann hören wir doch Schritte. Ein junger Mann in seinen 30ern mit nacktem, etwas untersetztem Oberkörper steht vor uns und guckt uns reichlich perplex an. Ich fange sofort an zu reden und habe das Gefühl ich spreche polnisch wie am dritten Kurstag. Ich entschuldige mich für die Störung, erkläre, dass mein Vater hier vor 70 Jahren geboren ist und frage ob wir vielleicht mal ganz kurz die Wohnung angucken können. Im Hintergrund sehe ich in dem langen schmalen Badezimmer eine Frau zwei Kinder in der Duschwanne baden. Was für ein schlechter Zeitpunkt... Mein Vater sagt zu mir auf deutsch: "Oder morgen!" Ich wiederhole auf polnisch: "Oder morgen." Und ergänze: "Oder später." Der junge Mann, winkt ab - er wirkt genervt, aber nicht böse, nicht genervt aus grossen kulturhistorischen Beweggründen heraus, sondern nur, weil er gerade die Kinder ins Bett bringen und wahrscheinlich Sportschau gucken will - und sagt: "Nein nein, bitte reinkommen" mit einem starken östlichen Akzent, er sagt "Proszę wajść", nicht "wejść", und irgendwie beruhigt mich das. Wir stehen also im Flur dieser Wohnung, drehen uns einmal um die eigen Achse, um in alle Zimmer zu sehen, meine Eltern sprechen ein wenig über damals und heute und wie schön die Wohnung jetzt ist, das Ganze dauert ungefähr anderthalb Minuten, ich bedanke mich für uns und wir gehen wieder.
Draussen gehen wir zurück zum Wasser und machen uns auf den Weg einmal rund um den See. Meine Eltern reden schon über die anderen Häuser, über die Pläne für die nächsten Tage und dann noch kurz darüber, dass die Wohnung gar nicht so klein ist, wie mein Vater dachte. Ich bin noch bei dem jungen Mann, der dort wohnt. Was hat er wohl von uns gedacht? Meine Eltern fragen sich das anscheinend nicht. Meine Mutter bezeichnet ihn als nicht besonders kooperativ. Ich verstehe irgendwie gut, was sie meint, aber finde es dennoch ein bisschen unfair, können wir doch davon ausgehen, dass er mit diesem Teil der Geschichte nichts anzufangen weiss und dass er uns immerhin dann doch ziemlich freundlich in die Wohnung eingeladen hat. Natürlich hat er nicht seinerseits Dinge gefragt oder gesagt, aber warum sollte es ihn auch interessieren, was wir dort wollen und wer wir sind. Ich frage meinen Vater, ob er irgendetwas Besonderes fühlt an diesem Ort. Er spricht über sein Verständnis von Heimat; davon, dass Heimat von persönlichen Erinnerungen und von Menschen her entsteht, und dass er weder das eine noch das andere hier hat. Ich hake nach: Auch jenseits von Heimat, fühlt es sich nicht irgendwie anders an hier zu sein als anderswo? Mein Vater hat Schwierigkeiten, diese Frage zu beantworten, fast habe ich das Gefühl, er denkt, dass er sich rechtfertigen muss, wenn er nichts Außergewöhnliches empfindet. Und da verstehe ich, dass man dieses Erlebnis nicht zwanghaft mit Bedeutung aufladen kann. Mit manchen Orten spürt man eine besondere Verbindung. Mit anderen nicht. Man vermutet natürlich, dass ein Ort, mit dem eine reale Bindung besteht, zu denjenigen gehört, die Gefühle hervorrufen. Aber warum sollte das zwangsläufig so sein? Mein Vater findet Szczytno schön. Es fühlt sich nicht an wie ein Zuhause. Zwei Sätze, die auch auf mich zutreffen. Wir sollten vielleicht nicht krampfhaft nach mehr suchen.

Am naechsten Tag fahren wir nach Pasym, nach Passenheim, und schauen das kleine entzückende Städtchen an, das zugegebenermassen mehr Charme hat als Szczytno. Die Kirche kuschelt sich malerisch an den See, das Tudor-Rathaus steht mitten auf dem kleinen Marktplatz und die Blumen blühen so schön. Wir legen uns an den kleinen Stadtstrand und als ich schließlich in das grüne Wasser springe und unter dem strahlenden blauen Himmel auf die schwarzen schweigenden Wälder am anderen Ufer zuschwimme, kann ich das Bild vom ewigen Ostpreußen ein bisschen verstehen. Vieles an dieser Landschaft erinnert mich an Brandenburg und Vorpommern, es ist eben die nordmitteleuropäische Ostsee-nahe Seenlandschaft, und trotzdem scheint es mir hier besonders ursprünglich zu sein. Wieviel Romantik lege ich wohl da hinein? Immerhin denke ich, dass dieses herrliche Fleckchen Erde nicht Ostpreußen heißen muss, um so schön zu sein, sondern als Warmia i Mazury ebenso bezaubernd ist.


Wege nach Polen

Am Tag vor der Abfahrt in den Nordosten Europas räume und renne ich, was meine Beine so hergeben. Abends beim Packen suche ich meinen Reiseführer. Da er an so vielen Stelle nicht aufzufinden ist, bleibt irgendwann nur noch eine realistische Möglichkeit: Ich muss ihn in meinem Schreibtisch eingeschlossen haben. Der Schlüssel liegt bei einer Freundin. Eigentlich wollte ich jetzt schon im Bett liegen, stattdessen mache ich mich durch das regnerisch-schwüle Berlin auf den Weg nach Kreuzberg, um den Schlüssel zu holen. Immerhin ist der Lonely Planet dann auch am vermuteten Ort. Ich ärgere mich ein bisschen über meine Kopflosigkeit - aber nicht besonders lange. Es ist eine von diesen Reisepannen, die einfach passieren. 

Überraschend fit mache ich mich am nächsten Morgen in aller Frühe auf den Weg zum Hauptbahnhof, finde mein Gleis, meinen Wagen und meinen Sitz und mache es mir gemütlich für die ersten drei Stunden Fahrt nach Poznan - bzw. Posen. Normalerweise halte ich mich so gut wie immer an die polnischen Namen aller Städte, denn so heissen sie nunmal heute. Ich spreche ja auch nicht von "Neu Jork" oder bezeichne Sri Lanka noch immer als Ceylon. Aber was ich die nächsten zwei Tage vorhabe, ist ja nun doch so eine Art Heimwehtourismus, und wenn schon Nostalgie, warum dann nicht auch den deutschen Namen für die Orte in Masuren Raum geben. Ich weiss noch nicht genau wie wohl ich mich damit fühle, aber ich weiss, dass ich neugierig bin auf den Ort, an dem mein Vater geboren ist.
Im Abteil sitzen drei reizende ältere Herrschaften, die mir vom Baltikum vorschwärmen, als sie von meinen Plänen hören, und ein Pole, der aber seit sieben Jahren in den USA studiert und nur ein bisschen deutsch kann, aber natürlich sehr gutes Englisch spricht, Dawid. Er will nach Olsztyn (Allenstein) wie ich. In Poznan steigen wir gemeinsam um. Auf der Weiterfahrt teilen wir das Abteil mit zwei jungen Mädchen, die ein bisschen wortkarg sind, und einem Herrn zwischen 40 und 50, der den armen Dawid einem solchen Redeschwall aussetzt, dass ich zwischendurch gerne eingreifen würde. Dawid erträgt es mit stoischer Ruhe. Irgendwann ist sein Gesprächspartner bei den Banken und sagt: "Aber wir wissen doch alle, wer die Banken in der Hand hat, ich bitte Sie, wir wissen es doch alle ganz genau." In meiner grenzenlosen Naivität denke ich: Die Amerikaner? Die Deutschen vielleicht? Oder mal wieder die Russen? Der Herr sagt: "Ich bin ja kein Antisemit, aber..." Den Rest verstehe ich vor lauter Schreck kurz nicht. Vielleicht ist das auch besser so, denn der Satz danach lautet: "Ohne Adolf Hitler hätten wir Polen heute keinen eigenen Staat." Eine ziemlich lange Ausführung folgt, die ich nicht wiedergeben kann und will. Es ist ein bisschen wie ein Autounfall: Es ist fürchterlich, aber ich kann einfach nicht weggucken oder -hören. Mehrere Male bin ich kurz davor einzugreifen, aber auf Polnisch hätte ich keine Chance in einer sachlichen Diskussion, bei der es vermutlich auch gar nicht lange bleiben würde. Ich begreife, wie zwecklos ein Eingriff wäre, und es deprimiert mich. Nachdem der Mann mit den fragwürdigen Ansichten ausgestiegen ist und ich mich noch ein bisschen mit Dawid unterhalte, erwähnt der in einem Nebensatz, dass er jüdische Wurzeln hat - ich frage ihn, wie zum Teufel er unter diesen Umständen das Gerede des Mitfahrers so gelassen hat ertragen können. Er sagt: "In Polen passiert das so häufig, da darf man einfach nicht hinhören." 

In Olsztyn suche ich vergeblich meinen Zug auf der Anzeigetafel. Er scheint nicht zu fahren. Am Schalter erkundige ich mich, ich muss stattdessen einen Bus nehmen, der junge Mann am Schalter ist rührend und sehr bemüht, mir den richtigen Weg zu zeigen, fast habe ich das Gefühl er wollte mich am liebsten selbst zum Bus bringen. Am Busbahnhof steht gerade ein Bus abfahrtsbereit, ich renne zum Bussteig, die Türen sind schon zu, der Busfahrer öffnet, ich zeige ihm mein Ticket. "Was ist das denn?" "Mein Ticket..." "Das kann ich nicht nehmen, das ist ja eine ganz andere Firma." Ich bin ja inzwischen in der Reisestimmung angekommen und rege mich nicht auf, kaufe ein Ticket beim Schaffner, und bin nun tatsächlich auf dem Weg nach Szczytno, nach Ortelsburg. Der Fahrer, stelle ich beim Blick auf das Ticket fest, hat mir den ermäßigten Preis abgerechnet, das ist wirklich nett von ihm. Die Erlebnisse aus dem Zug wirken aber noch nach. So hilfsbereit und wunderbar ich dieses Land immer wieder erlebe - es hat mit Sicherheit seine dunklen Seiten.

Draussen giesst und stürmt es. Ich höre Sommermusik, die zu den herbstlichen Wetter nicht passen will und muss darüber lächeln, dass sich in mit trotzdem alles nach Sonnenschein anfühlt. Ich kann die Landschaft um mich kaum erkennen, nur schemenhaft sehe ich dichte Wälder und grosse Seen, grüne Felder und kleine niedliche Ortschaften. Durch Pasym, Passenheim hindurch fahren wir Richtung Szczytno. Ich weiss, dass mein Vater an der Passenheimer Strasse gewohnt hat, bevor er mit vier Jahren im Jahr 1944 mit seiner Schwester, Mutter und Grossmutter aus Ostpreussen geflohen ist. Ich suche an der Strasse, die in den Ort hineinführt und heute folgerichtig ulica Pasymska (also eben: Passenheimer Strasse) heisst, nach Häusern, die in Frage kommen könnten, aber nicht nur der Regen hindert mich an Entdeckungen - ich habe ja auch einfach gar keine Ahnung, wie sie gelebt haben hier, vor 68 Jahren. Am Busbahnhof steht mein Vater und hebt die Arme, als er mich sieht. Wenn er sich freut, sieht er aus wie ein kleiner Junge. Ich bin so gespannt auf die nächsten Tage.

Mittwoch, 1. August 2012

Die Elbe

Manchmal muss man für die großen Glücksmomente nicht in die weite Welt fahren. Der Elbstrand in Blankenese - für ein Hamburger Deern wie mich gibt es fast keinen schöneren Ort auf der Welt. 

Schon als kleines Mädchen gab es die obligatorischen Spaziergänge mit der Familie an der Elbe. Als ich mit zehn oder elf Jahren zum ersten Mal freiwillig mit Freundinnen am Wochenende zum Spazierengehen an der Elbe verabredet war, fand ich mich wahnsinnig erwachsen. 

Wenn ich heute in Hamburg bin, muss ich den großen grauen Fluss immer wenigstens einmal  begrüßen. Als ich damals nach Tübingen zog und mir Sorgen machte, dass mir das Wasser fehlen würde, wurde mir gesagt: "Aber dort ist doch der Neckar!" Der Neckar ist reizend, aber er ist kein echter Fluss für mich, eher ein hübsches Bächlein. Die Elbe bei Blankenese ist ein Strom; ein gewaltiges. mächtiges Monstrum, dass sich vor mir dahinwälzt und meine Gedanken mit sich tragen kann, wenn ich einen freien Kopf haben möchte. Im Sommer liegt sie als glitzernder glatter Spiegel da. Im Winter ist sie manchmal vereist, kantig und hart. Zu jeder Jahreszeit gibt es Wellengang, wenn einer der großen Pötte mit Containern vorbeifährt, und beim richtigen Wind sieht man die Segelschiffe ihre hübschen bunten Spinnacker spannen.



Mit dreizehn begann es, dass man jedes Jahr das Osterfeuer am Elbstrand feierte. Wenn man in Blankenese wohnte, traf man an diesem Ostersamstagabend alle Menschen, die man kannte, unten an der Elbe. Das Zusammenspiel vom Feuer auf dem Strand und dem Wasser daneben war schon damals eine ganz besondere Erfahrung.


Und nun also dieses neueste, wunderschöne Erlebnis von der Elbe. Es kann keinen zauberhafteren Ort geben, um eine neugeschlossene Ehe zu feiern, als diesen - zauberhaft wahrhaftig, denn es lag ein Zauber über diesem Abend. Für mich war es ein Zauber aus leichter Melancholie, kindlichem Staunen und großer großer Liebe - zwischen allen Menschen dort und zu diesem traumhaft schönen Platz am Strand. Und als eine meiner ältesten Freundinnen im Brautkleid und einer meiner ältesten Freunde als ihr Bräutigam im Anzug vor mir standen; und einer meiner ältesten Freunde neben mir sein Feuer anzündete; und als ich anfangen durfte zu singen für diese Menschen, da war ich viel aufgeregter als sonst, wenn ich vor Publikum singe, denn es hat so unendlich viel mehr bedeutet. Ich kann mich nicht mehr an die Zeit erinnern, in der ich die Braut nicht kannte, und an diesem Abend durfte ich ihr sagen, was ich ihr für ihr Leben wünschte, und Feuer und Musik wurden eins. Zur Aufnahme dieses Hochzeitsgeschenks, das dort am Strand spontan entstanden ist, geht es hier: Fire spinning and live singing